Sonntag, 15. November 2015

Ein Waran und ich

Ein gemischtes Drama 

Prolog

„Der Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt ist die Spezialität des Komodowaran bei seinem Beutezug. Der Komodowaran wartet geduldig in seinem Versteck, bis ein großes Beutetier nah genug herangekommen ist, ohne den Waran wahrzunehmen. Dann überfällt der das Tier blitzschnell und beißt mit seinen Kiefern zu. […]Auch wenn der Komodowaran ein Tier nach einem Biss loslässt, stirbt es unweigerlich in den nächsten Tagen an einer Blutvergiftung und wird somit letztlich doch das Opfertier des Komodowaran, der dem Tier mittels Einsatz seines Jacobson-Organs einfach folgt und dessen Tod abwartet.“ (Quelle)


Zueignung
Vor nunmehr fünf Minuten wurde ich von einem Waran gebissen. In Paderborn. Er habe sich ein wenig verlaufen, behauptet der Waran und jetzt müsse eben gegessen werden, was auf den Tisch kommt. Jetzt läuft er geduldig bei Fuß und wartet auf mein Ableben. Nach einer Weile wird ihm langweilig und er versucht, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Das Gespräch beginnt schleppend.

I. Akt: Mir wird ein wenig blümerant
(Szene: Fußgängerzone in Paderborn)
Ein Waran, Arnold von Melchtal, ein Tempelherr, mehrere Fußgänger und ich


Arnold von Melchtal (zum Tempelherrn): Achtung, ein Bus!
Tempelherr: Wo?

Arnold von Melchtal und der Tempelherr werden von einem Bus der Linie 4 erfasst. Sie spielen im weiteren Verlauf des Dramas keine Rolle.
Waran (zu mir): Bist du mit dem heutigen Tag insgesamt zufrieden?
Ich: Ich wurde von einem Waran gebissen.
Waran: Und sonst?
Ich: Vorausgesetzt, das Wetter bleibt so, können wir zufrieden sein.

Unser Gespräch wird durch panische Fußgänger gestört. Warane ist man hier nicht gewohnt. Einige filmen uns aus sicherer Entfernung mit ihren Smartphones.

Waran (zu einem filmenden Fußgänger): Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen, Sie Wichser.
Waran (zu mir): Kranke Welt. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, Smalltalk. Als ich jung war, hat meine Mutter immer gesagt, dass man mit Essen nicht spielt.

Der Waran denkt nach und schaut mich nach einer Weile schuldbewusst an.

Waran: Hast du das Gefühl, dass ich mit dir spiele?
Ich: Ne.
Waran (erleichtert): Das beruhigt mich. Aber warum bist du dann so wortkarg?
Ich: Ich wurde von einem Waran gebissen.
Waran: Das ist ja furchtbar!
Ich: Machst du dich lustig über mich?
Waran: Ganz und gar nicht, über Waranbisse macht man keine Scherze. Die führen nämlich unweigerlich zum Tode.
Ich: Kann es sein, dass du ein wenig schizophren bist?
Waran: Ich möchte diese Bluse nicht kaufen.

Ich beschließe, bei meinem Hausarzt anzurufen und einen Termin zu erbitten.

II. Akt: Alter, ist mir schlecht!
(Szene: Telefonzelle in der Paderborner Fußgängerzone)
Ein Waran, eine Sprechstundenhilfe (am Telefon) und ich


Sprechstundenhilfe: Praxis Dr. Faustus, wie kann ich Ihnen helfen?
Ich: Ich wurde von einem schizophrenen Waran gebissen.
Sprechstundenhilfe: Aha.
Ich: Kann ich sofort vorbeikommen?
Sprechstundenhilfe: Sind sie privat versichert?
Ich: Nein.
Sprechstundenhilfe: Sie könnten am 19. Februar vorbeikommen.
Ich: Welches Jahr?
Sprechstundenhilfe: Moment.

Warteschleife
Waran (stupst mich von der Seite an): Das mit der Bluse war ein Scherz.
Sprechstundenhilfe
(zurück am Apparat): 2017.
Ich: Der Waran ist doch nicht schizophren. Nur witzig.
Sprechstundenhilfe: Ah, dann können sie sofort vorbeikommen.
Ich: Super, bin gleich da.
Sprechstundenhilfe: Das war ein Witz, Sie Idiot. Machen Sie Ihre Telefonstreiche woanders.

Tuten am Ende der Leitung.

Waran: Aufgelegt?
Ich: Ja.
Waran (sehr bewegt): Was für eine kranke Welt, in der niemand mehr an schizophrene Warane, übergewichtige Elfen und riesige Zwerge glaubt! Aus Fantasie wird Monotonie, Weisheit wird zu Wissen, funkelnde Sterne zu grauen Planeten. Welch entzauberte Welt, in der Märchenwesen nur noch digital erschaffen werden, damit dicke Kinder sie totklicken können, in der Märchenwälder in Designerkamins, die in weiß gestrichenen Räumen neben schwarzen Möbeln stehen, eingeschlossen und verbrannt, in der Prinzessinnen geliftet statt gerettet und Riesen statt in die Berge in den Ring geschickt werden. Wir leben in einer Welt, in der Drachen gelenkt, Zwerge geworfen und Wölfe gelaufen werden. Welch entzauberte Welt, die keinen Platz für das letzte Einhorn, aber 17.000 Quadratmeter für die Erweiterung eines Einkaufszentrums übrig hat und in der Ritter twittern, statt in große Abenteuer zu schlittern, in dieser…
Ich (den Waran unterbrechend): So eine Scheiße hab ich noch nie gehört. 
Waran: Wenn ich hungrig bin, werde ich für gewöhnlich sentimental. 

IV. Akt (der dritte Akt wird einfach übersprungen): Die Übelkeit hat ein wenig nachgelassen, auch ich werde hungrig (retardierendes Moment)
(Szene: Eine Subway-Filiale)
Ein Waran, König Lear, ein Angestellter,  einige Kunden und ich


König Lear (zum Angestellten): Ohne Gurken, hatte ich gesagt!

König Lear, der unter einer starken Gurkenallergie leidet, erstickt und spielt im weiteren Verlauf des Dramas keine Rolle mehr.

Ich (zum Angestellten): Ich nehme das Sub des Tages.
Waran (grinsend zum Angestellten): Ich nehme nur das Brot. Aber bitte in einem Meter achtzig. Ich belege es selber und nenne es Matroschka-Sub.

Keiner der anwesenden Gäste lacht, nur ich muss schmunzeln. Anschließend verlassen wir den Laden. Ich mit meinem Sub, der Waran in einer äußerst sentimentalen Verfassung.

V. Akt: Schweißausbrüche, unkontrollierbares Zittern, Bluthusten
 (Szene: Fußgängerzone in Paderborn)
Ein Waran und ich
Waran: Weißt du, als du vorhin als einziger über meinen Witz gelacht hast, hatte ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, einen richtigen Freund zu haben.
Ich (röchelnd): Das Blöde ist nur, dass diese Freundschaft keine Zukunft hat.
Waran (entsetzt): Warum?
Ich (mit letzter Kraft): Ich wurde von einem Waran gebissen.
Waran (vollkommen panisch, immerhin geht es um seinen einzigen echten Freund): Das ist ja furchtbar. Du musst sofort in ein Krankenhaus!

VI. Akt: Krise
 (Ein Krankenhaus in Paderborn)
Ein Waran, ein Arzt, allerhand medizinisches Personal, Muhammad Ali und ich
Arzt (zu Muhammad Ali): Herr Ali, ich befürchte, wir können nichts mehr für Sie tun. Sie hätten das Wildschwein nicht provozieren sollen, nicht in Ihrem Alter.

Muhammad Ali erliegt den Folgen einer Wildschweinattacke und spielt im weiteren Verlauf des Dramas keine Rolle mehr.

Arzt (zu sich selbst): Erst Arnold von Melchtal und ein Tempelherr, dann König Lear und jetzt auch noch Muhammad Ali. Das glaubt mir eh wieder keiner.
Waran (laut in die Runde): Wir brauchen Hilfe, mein Freund wurde von einem Waran gebissen!

Epilog
Nach einer mehrstündigen Not-OP wache ich auf. Neben mir sitzen meine Eltern und ein Waran. Der Waran nippt an einem grünen Tee und isst dazu einen grünen Salat. Das ist der schönste Freundschaftsbeweis, den es je gegeben hat.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen