Dienstag, 15. Juli 2014

Schachmatt


Angetrieben von hochehrwürdigen Idealen, beseelt von euphorischer Erwartungsfreude und getragen von universitärem Fachwissen mache ich mich auf den Weg in die Klasse 5b des Ritalin-Gymnasiums in Engelskirchen.          
„Guten Morgen liebe Klasse 5b.“ begrüße ich die Schüler.
„Guten Morgen Herr Nunn, Sie Schwein“, antwortet die Klasse.
Jetzt heißt es cool bleiben. Innerlich lasse ich sämtliche Pädagogik-Seminare meiner 12 Lehramtssemester Revue passieren und sage laut und deutlich:
„In die Ecke! Alle! Sofort!“ 
Die Schüler stehen auf und begeben sich mit hängenden Köpfen in die hintere Ecke des Raums. Stolz begutachte ich meine erste pädagogische Maßnahme, bis ein dicker Junge fragt:
„Und jetzt?“
„Ja“, denke ich, „diese Frage hatte sich förmlich aufgedrängt."
„Jetzt schämt ihr euch erst mal“, sage ich, um Zeit zu gewinnen. Doch der Junge hakt nach:
„Wofür sollen wir uns schämen?“
„Ihr habt mich im Chor als Schwein bezeichnet“, empöre ich mich.
„Stimmt doch!“, gibt die Klasse im Chor zurück.
„Ich glaub es hackt!“, schreie ich, denn das tun alle Lehrer, wenn sie sauer sind und füge selbstsicher hinzu:
„In die andere Ecke!“
Brav schlürfen die Schüler in die andere Ecke und schauen mich erwartungsvoll an. Wieder konfrontieren sie mich mit der unvermeidlichen Sinn-Frage und entschlossen wiederhole ich die Maßnahme zwei weitere Male.  
„Schachmatt!“, bemerkt ein Schüler,
„Syntax error“ ein zweiter und
„Format C“ ein dritter.
In der ersten Reihe wird ein Lied angestimmt:
„Die Klasse hat vier Ecken, / zum Glück ist sie nicht rund.“
Ich setze mich an den Pult und weine. Ein Mädchen, das nun ihren Schmähgesang eingestellt hat, nimmt sich einen Stuhl und kommt nach vorne. Sie setzt sich mir gegenüber an den Pult, schlägt die Beine übereinander, nimmt bedächtig ihre Brille ab und fragt:
„Wie fühlen Sie sich jetzt?“
„Schlecht“, schluchze ich, „ich hatte mir eigentlich vorgenommen, euch zu beweisen, dass Geschichte Spaß machen und das man aus ihr lernen kann, dass eines Tages alles gut wird und der Weltfrieden nah ist.“
„Das war dumm“, bemerkt die Schülerin.
Der dicke Junge meldet sich. Sie nimmt ihn dran:
„Hitler, Facebook und Wulf sind böse, Jesus und Dirk Nowitzki gut“, fasst er die Weltgeschichte zusammen.
„Scheiße“, denke ich, „diese Einteilung beraubt mich meiner Existenzberechtigung“. 
Erneut breche ich in Tränen aus. Die Nachwuchspsychologin legt mir tröstend eine Hand auf den Unterarm und macht einen Vorschlag:
„Was halten Sie davon, wenn wir einfach noch einmal von vorne beginnen?“
Ich halte das für eine tolle Idee, verlasse die Klasse, halte einen Augenblick inne, klopfe mit neuer Fassung gewappnet an die Tür, stelle mich selbstbewusst vor die Tafel und rufe:
 „Guten Morgen liebe Klasse 5b.“
„Guten Morgen Herr Nunn…Sie Schwein“.
„Damit hätten er rechnen können“, murmelt ein Schüler in der ersten Reihe.
„Sollen wir jetzt wieder in die Ecke?“, fragt ein anderer,
„Sie haben ja wieder vier zur Auswahl!“, prustet die Psychologin.       
Bevor ich antworten kann, klopft es an der Tür. Es ist ein riesiges Huhn. Das Huhn möchte Johannisbeersaft verkaufen. Die Schüler kramen in ihren Geldbörsen, einige möchten wissen, ob das Huhn auch PayPal akzeptiert und andere erkundigen sich nach seiner Bereitschaft, spontan einige Eier zu legen. Aus meiner Verzweiflung wird Wut. Ich packe das Huhn an seinen  Federn, fixiere es an der mittleren Tafel und verprügele es mit den Tafelflügeln. Dann halte ich es an den Füßen aus dem Fenster und schreie:
„Seht her! Das passiert mit Hühnern, die in meinem Unterricht Johannisbeersaft verkaufen!“
Dann lasse ich es in den Schulteich plumpsen.
Die Klasse ist jetzt sehr nett. Niemand muss mehr in die Ecke geschickt werden und alle finden preußische Geschichte unheimlich spannend.
Nach dem Klingeln treffe ich auf dem Gang einen Kollegen.
„Morgen Herr Nunn, Sie Schwein“, begrüßt er mich freundlich. 
Als ich ihn an den Haaren in die Klasse ziehe, um dem Huhn einen Planschkameraden zu spendieren, bemerkt er das Missverständnis:
„Herr Kube, wissen Sie denn nichts von unserer SMS- Woche?“
„Schnell mal sparen?“, frage ich.
„Im Gegenteil“, sagt er, „Solidarität mit dem Schlachtvieh. Jeder Lehrer schlüpft für eine Woche in die Rolle eines von der Schlachterei betroffenen Tieres und Sie sind das Schwein. Das sollte auch den letzten Schüler zum Vegetarier machen. Ach übrigens: haben Sie Frau Kleine-Wilde gesehen? Die wollte sich als Huhn verkleiden und Johannisbeersaft verkaufen.“
„Nein“, sage ich. Dann nehme ich meine nagelneue Ledertragetasche und verlasse das Schulgelände.


Dienstag, 8. Juli 2014

Der Tod spielt mit - Eine WM-Parabel


Die Eröffnungsfeier
"Wer jetzt nicht siegt, wird ewig warten", ruft ein eigens für den Mühle-Abend im Seniorenzentrum St. Nimmerlein eingeflogener Ex-Sportkommentator in sein Mikrofon und klopft sich innerlich für seinen schwarzen Humor auf die Schulter. Sofort verbreitet sich unter den anwesenden Greisen eine angespannte Alles-oder-nichts-Stimmung, die von einer hektischen Sinfonie aus klappernden Gebissen, knarzenden Gelenken und übersteuerten Hörgeräten untermalt wird. Parallel zu den eröffnenden Worten wuselt das Kompetenzteam "Pflegestufe 2" durch den Turnierraum und verrichtet die letzten Aufbauarbeiten. Der Anforderungskatalog der Heimleitung (keine Stehplätze,  Entfernung sämtlicher Zimmerpflanzen etc.) hat die fleißigen Helfer sichtlich an ihre Grenzen getrieben. Offiziellen Schätzungen der St. Nimmerleins-Stiftung zufolge ist es im Rahmen der Turniervorbereitung zu acht bedauerlichen Fällen von "kollateralem Ableben" gekommen, was jedoch angesichts der immensen Bedeutung des Großereignisses für das ganze Seniorenzentrum guten Gewissens vernachlässigt werden kann und muss. Kaum sind die letzten RIP-Logen fertiggestellt, beginnt auch schon die offizielle Eröffnungszeremonie:
Der entzückende Chor des angrenzenden katholischen Kindergartens, dem man den Zwangscharakter seines Auftritts kaum ansieht, singt die offizielle Turnierhymne „Grau und weiß“. Dieses lustige Stelldichein aus singenden Kindern und schunkelnden Senioren muss als Hommage an den "Kreislauf des Lebens" verstanden werden, der sich als Turnier-Motto gegen den Vorschlag "Die Welt zu Gast bei (alten) Freunden" durchgesetzt hat. 
Unterdessen „pushen“ (frei übersetzt: wecken) die dienst-habenden Pfleger ihre Schützlinge mit motivierenden Ohrfeigen und der Dorfpfarrer bietet vorsorglich eine kostengünstige Seelsorge für die Verlierer des Abends an. Um es auf den Punkt zu bringen: Es ist angerichtet.

Die Vorrunde
Schon in den ersten Vorrundenbegegnungen scheinen die Nerven bei einigen Teilnehmern blank zu liegen. Ein besonders eifriger Teilnehmer in biblischem Alter kramt seine Trashtalk-Skills vergangener Bolzplatztage hervor und provoziert seinen Kontrahenten mit mehrdeutigen Anspielungen, die auch heute nichts von ihrer entmutigenden Wirkung eingebüßt zu haben scheinen. In wenigen Zügen lockt er sein peinlich berührtes Gegenüber in eine Zwickmühle, um ihm anschließend Spielstein für Spielstein mit einem angedeuteten Spuckgeräusch in die Schnabeltasse zu pfeffern. Siegestrunken verlässt er schließlich den schützenden Hafen seines Rollators und rutscht auf Knien vor den Groupie-Tisch, an dem sich die vor dem 1. Weltkrieg geborenen Damen niedergelassen haben, um dem heroischen Treiben bei Kaffee und Kuchen beizuwohnen.
An einem anderen Tisch macht ein wild gestikulierender Veteran aus dem deutsch-französischen Krieg  auf  tiefe Bisswunden in seiner Schulter aufmerksam, die ihm sein Gegenspieler mutwillig zugefügt haben soll. Der Beschuldigte rechtfertigt sich mit einer abgelaufenen Haftcreme, durch die sich sein Gebiss im Wortgefecht selbstständig gemacht habe. Nach einer kurzen Verhandlungspause verdonnert die Heimleitung den Beißer zu einer willkürlich ausgewürfelten Sperre von neun Tagen.

Das Finale
Um die gesteigerte Aufmerksamkeit der Zuschauer vor dem großen Turnierfinale maximal auszunutzen, hat es sich der Hauptsponsor der Veranstaltung, ein hiesiger Bestattungsunternehmer, nicht nehmen lassen, die Gestaltung des Vorprogramms zu übernehmen. Hinter mehrfach abgeschlossenen Türen werden die durch leichte Beruhigungsmittel (mit Cola-Geschmack) präparierten Zuschauer in die besonders luxuriösen Modelle des Sponsors eingeladen. Große Männer betreten den Raum und bitten ihre Kunden mit sanftem Druck, den Kaufvertrag für ihr zukünftiges Zuhause zu unterzeichnen.
Nach dem Vorprogramm hat sich im Turnierraum ein angespanntes Schlummern ausgebreitet. Beide Finalisten, die sich im bisherigen Turnierverlauf durch eine beeindruckende Geschlossenheit der Harnröhre ausgezeichnet haben, rutschen auf ihren Stühlen nervös hin und her.  Der Schiedsrichter, ein seit 23 Jahren an Grauem Star leidender „Freund der Turnierleitung“ eröffnet das Spektakel. In einer ersten Abtastphase werden die Spielsteine bedächtig hin und her geschoben. Sofort wird dem kundigen Beobachter gewahr, dass es sich hier nicht nur um ein Prestigeduell zwischen Mühle-Veteranen, sondern auch um das Aufeinanderprallen zweier Pfleger-Philosophien handelt. In der einen Ecke der von einem aufstrebenden Zivildienstleistenden betreute Bismarck Schimmelpfennig, der seine Steine bereits nach wenigen abwartenden Spielstunden in einem irrwitzigen Tempo verschiebt. In der anderen Ecke der seelenruhige „Flak-Heinrich“, der sich mit jeder noch funktionierenden Faser seines Körpers auf den ausgewieften Matchplan eines erfahrenen Krankenpflegers konzentriert, nach dem es unter anderem vorgesehen ist, die stärksten Spielsteine von außen in die Mitte zu ziehen.     

Inglourious Basterds
Endlich ist es so weit. Die Entscheidung steht unmittelbar bevor und die Spannung ist mit Händen zu greifen. Plötzlich bricht ein heilloses Chaos aus. Wie aus dem Nichts tauchen dutzende als Windmühlen verkleidete Männer auf, wirbeln mit kreisenden Armen durch den Turnierraum und verwüsten alles, was sie in die Finger bekommen. Tische, Stühle, Gehhilfen und Luxussärge schwirren durch die Luft, Kaffeetassen zerbersten, tattrige Senioren düsen auf wildgewordenen Rollatoren ziellos durch den Raum und geben Schreie von sich, die gleichzeitig ängstlich und erleichtert klingen. Der Leiter des Seniorenzentrums, ein hochseriöser Geschäftsmann aus der Schweiz, gerät bei dem Versuch, sich durch die Hintertür zu entfernen, in die kreisenden Fänge einer wutschnaubenden Mühle und wird quer durch den Raum geschleudert. Eine besonders furchteinflößende Mühle baut sich vor dem kriechenden Heimleiter auf, packt ihn am Schopf und sagt: „Du hast von uns gehört? Dann weißt du, dass wir nicht im Gefangen-Nehmen-Geschäft sind. Wir sind im Korrupte-Funktionäre-Töten-Geschäft. Und, mein Freund, das Geschäft boomt.“