Samstag, 14. Juni 2014

Ärger im Campo Bahia



Löw bestätigt: Lahm beim gemeinsamen Anschauen des Eröffnungsspiels nicht zugedeckt
Bereits gestern Abend wurde die Nachricht über die sozialen Netzwerke Facebook und twitter flächendeckend publik gemacht, heute Morgen erfolgte die offizielle Bestätigung des Bundestrainers: „Ja, es stimmt. Philipp war gestern zwischen der 14. und 23. Minute des Eröffnungsspiels nur zum Teil und phasenweise sogar überhaupt nicht zugedeckt.“ 
Besonders prekär: Das Spiel wurde in einer dem Public Viewing nachempfundenen Veranstaltung unter freiem Himmel geschaut. Es ist folglich davon auszugehen, dass der deutsche Kapitän mehrere Augenblicke lang Temperaturen von bis zu 23° Celsius ausgesetzt war. Presseerklärungen aus medizinischen Fachkreisen lassen das Schlimmste befürchten: „Ruckzuck haste Schnupfen“, so der renommierte Tierarzt Dr. Hieronymus von Münchhausen.  

Ein neuer deutscher Schicksalstag?
Ganz offensichtlich hat das Enfant terrible des deutschen Fußballs seine Nerven besonders vor wichtigen Spielen, wie dem alles entscheidenden ersten Gruppenspiel gegen Portugal am kommenden Montag nicht im Griff. Schon unmittelbar vor dem Eröffnungsspiel zur WM 2010 gegen Australien, am 12.Juni 2009, war Lahm unangenehm in Erscheinung getreten, als ein Bild-Reporter aufdeckte, dass er trotz einer am nächsten Nachmittag angesetzten Trainingseinheit erst nach 21 Uhr ins Bett gegangen war.   
„Der 12. Juni ist im Begriff, den 9. November als deutschen Schicksalstag abzulösen“,  sagt der Historiker Karl-Ullrich Wähler und führt in diesem Zusammenhang auch die ‚Cola-nach-14-Uhr-Affäre‘ um Andreas Möller und Lothar Matthäus vom 9. November 1995 ins Feld.

User fordern Konsequenzen
Während der Bundestrainer noch keine Entscheidung darüber getroffen zu haben scheint, wie es mit Lahm weitergehen soll, haben die User einer repräsentativen Netzumfrage eindeutig Stellung bezogen. So fordern beinahe 20% der insgesamt 14 Millionen User, Lahm möge von seinen Eltern aus dem DFB-Camp abgeholt werden, während nur 70% der Meinung sind, die Affäre könne mit einem sehr festen Klaps auf den Hintern beigelegt werden. Bemerkenswert ist auch, dass lediglich 5% der Teilnehmer das Feld „Ich möchte nicht an dieser Umfrage teilnehmen“ anklickten.
Diese Zahlen, das gilt als unumstritten, werden auch im DFB-Ethikrat für Diskussionsstoff sorgen, der ab morgen in einem Geheimzentrum tagen wird, für das nur wenige Slums und ein winziges Umweltschutzgebiet planiert werden mussten.

Private Probleme oder Kindheitstrauma?
Selbstverständlich gilt es ab sofort, nach den Ursachen der Deckenaffäre zu forschen. Lahms Spielkamerad Erik Durm, der sich laut Augenzeugenberichten während des gesamten Abends in einen dicken Schlafsack eingemummelt hatte, gibt zu bedenken, dass derartige Aussetzer häufig auf Erlebnisse aus frühester Kindheit zurückzuführen seien: „Da kann ich nur spekulieren, aber es ist doch möglich, dass Philipp als Kind von seiner Kuscheldecke im Stich gelassen wurde.“
Es gibt jedoch auch Theorien, nach denen die Ursachen im unmittelbaren Umfeld des 30-jährigen Müncheners zu suchen sind. Was gemeint sein könnte ist noch völlig unklar, allerdings kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass eine Spur zu Lahms Nachbarn Heinrich S. führt. Zwar wird S. von Nachbarn als Mensch beschrieben, der „seit vier Jahren tot“ ist, was aber noch längst kein hinreichender Grund für eine hundertprozentige Entlastung des Rentners ist. 

Und jetzt?
Auch wenn es so kurz vor dem Portugalspiel kaum jemanden beruhigen wird: Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass die Zukunft zeigen wird, wie es weitergeht.

Montag, 9. Juni 2014

Philosophien



In einem beliebigen Fernsehstudio
Ein schmieriger Moderator tritt vor die Kamera. Er kündigt ein Exklusivinterview mit Mario Götze an und hat sich auch schon eine ganz tolle Frage überlegt:
„Herr Götze, erzählen Sie uns doch bitte etwas über die Philosophien von Jürgen Klopp und Pep Guardiola.“
Der Jungstar denkt einen Augenblick nach, blickt bedeutungsschwanger in die Kamera und sagt:
 „Ich glaube, Jürgen Klopp hat die Philosophie zu kontern, das Konterspiel zu verfeinern und schnelle Angriffszüge zu spielen. Bei Pep Guardiola geht es viel um Ballbesitz, ein Spiel zu dominieren und möglichst hohes Pressing zu spielen."

Derweil im Paradies
Ein weißbärtiger Mann in Toga betritt die himmlische Bar. Mit gesenktem Haupt tritt er vor die Theke und bestellt einen doppelten Schierlingsbecher „on the rocks“.

Geht’s noch?
 „Diametral abkippende Sechs“, „polyvalenter Spieler“, „Vier Phasen-Modell“: Seit Trainer für sich in Anspruch nehmen, über eine sogenannte „Philosophie“ (zur Erinnerung: philosophia = „Liebe zur Weisheit“) zu verfügen, fühlen sie sich dazu genötigt, zu reden, als hätten sie tatsächlich eine. Hintergrund ist die landläufige Auffassung, eine Philosophie läge immer dann vor, wenn jemand etwas sagt, das keiner versteht, aber von jedem bekräftigend abgenickt wird.
Wenn mein Jugendtrainer früher in die Kabine gekommen ist, hat er Dinge gesagt wie:
 „Chuck, das war super. Super scheiße.“
Da gab es keinen Interpretationsspielraum und ich wusste genau, was in der zweiten Halbzeit zu tun war: Fußball spielen.
Heute verteidigt der heilige Pep nach einem 0:4 im Champions League-Halbfinale mit emotionalen Worten seine Philosophie und statt einfach mal bei allen Fieber zu messen, die dabei ernst bleiben können, wird der einzige Spieler der mit einem Recht, das in der Nähe des Naturrechts anzusiedeln ist, grinsen muss, aus dem Kader gestrichen.

Kloppe im Hause Yin und Yang
Ich liebe den Fußball, weil ich mich mit den allermeisten Menschen auf der Welt ohne Verständnisschwierigkeiten über ihn unterhalten kann. Ich liebe den Fußball, weil ich auch nach vierzehn Weizen noch mitbekomme, dass der EffZeh gewonnen hat und weiß, dass das alles ist, was zählt.
Ich liebe die Philosophie, weil ich mit ihr alleine sein kann und nach der Beseitigung von Verständnisschwierigkeiten etwas Neues über die allermeisten Menschen der Welt gelernt habe. Ich liebe die Philosophie, weil ich auch nach vierzehn Weizen noch weiß, dass ich nichts weiß.
Und manchmal macht es tatsächlich Sinn, ein wenig über den Fußball zu philosophieren. Immerhin vermag er es, trotz seiner offenkundigen Nebensächlichkeit, mich in emotionale Zustände zu versetzen, die etwas Existentielles zu haben scheinen. Doch eben diese wunderbare Eigenschaft des Fußballs droht zu verpuffen, wenn in der Kneipe niemand mehr auf das Spiel achtet, weil ein betrunkener Experte meint, über Sinn und Unsinn der „falschen Neun“ philosophieren zu müssen, statt, wie es sich für einen vernünftigen Fan gehört, aus heiterem Himmel eine rote Karte für den gegnerischen Stürmer, diese „dumme Sau“, zu fordern. In solchen Momenten wird offensichtlich, dass sich das Verhältnis zwischen Fußball und Philosophie zu Ungunsten der schönsten Nebensache der Welt verschoben hat. Hier wächst  zusammen, was nicht zusammen gehört . Bei zu viel Gegensätzlichkeit hätten sich sogar Yin und Yang den ganzen Tag gegenseitig auf die Fresse gehauen.

Ein verzweifeltes Plädoyer
Aus den genannten Gründen plädiere ich für Folgendes: Entsteigt euren beschissenen Champions League-Anzügen, lasst euch einen vernünftigen Schnubi stehen und zieht euch verdammt noch mal diese riesigen Stöcke aus dem Arsch. Hört auf mit eurem pseudophilosophischen Gegacker und nehmt euch ein Vorbild an euren Vorfahren. Es soll ja Trainer gegeben haben, die mit einer einzigen Weisheit deutscher Meister geworden sind:  „ Das Runde ist der Ball“.   Und viel mehr ist da auch nicht.       

Der Tag, an dem es mit Chuck zu Ende geht
Es ist ein lauer Sommertag. Ein sanfter Wind weht so behutsam durch das Stadion, als wollte er Rücksicht auf die hochkonzentrierten Akteure nehmen, die sich im Spitzenspiel gegenüberstehen. Das Spiel läuft seit zwölf Minuten. Der Ball liegt nach wie vor auf dem Anstoßpunkt. Niemand rührt sich. Ein jeder lauert angespannt auf den ersten Zug seines Gegenspielers. Auf der Tribüne schlägt ein feingliedriger älterer Herr in Chinos und Rollkragenpullover seine Beine übereinander, nippt an seinem Martini, schaut bedächtig auf seine Fliegeruhr und sagt:
„Faszinierend. Es ist faszinierend.“
An dieser Stelle betritt kein dunkler Zauberer die Szenerie und belegt den Mann und seine Familie bis in die siebte nachfolgende Generation mit einem grausigen Fluch. Es stampft auch kein 15 Meter großer Gorilla durch das Stadion und führt jeden Beteiligten seiner gerechten Strafe zu. Nicht einmal ein klitzekleiner Hurrikan lässt sich dazu überreden, die Anwesenden so lange umherzuwirbeln, bis sämtliche Synapsen im Hirn wieder richtig geschaltet sind. Stattdessen darf der nicht weniger feingliedrige Sitznachbar ungestraft erwidern:
„Du sprichst ein wahres Wort, mein geschätzter Sitznachbar. Seit die meisten Teams der Philosophie des ‚kontrollierten Abwartens‘ frönen, hat sich der Fußball einen weiteren Schritt in die richtige Richtung bewegt.“      
Viele Kilometer entfernt, in einer einsamen Dachgeschosswohnung, sitzt Chuck vor seinem Fernseher und weint. Er steht auf, stellt sich auf einen Hocker, bindet sich die eine Seite  seines EffZeh-Schals um den Hals und befestigt die andere Seite an einem Giebelbalken. Er wirft einen letzten Blick auf den Bildschirm und versucht, zu verstehen.