Mittwoch, 28. Januar 2015

Cornelius

Die Geschichte des kulturpessimistischen Ganovenwals Cornelius Probstein

 

Wer ist Cornelius?

Cornelius Probstein ist ein exorbitant großer Wal. Etwas präziser: Cornelius ist ein exorbitant großer Pottwal. Und weil Cornelius so gerne singt, können wir sein Wal-Sein ein weiteres Mal präzisieren: Cornelius ist ein exorbitant großer I-Pottwal. Außerdem ist er der absolut beste Rettungsschwimmer der Welt. Warum das so ist? Ganz einfach: Weil Cornelius die perfekte Mischung aus Moby Dick und dem frühen David Hasselhoff ist. Er ist groß und stark wie ein Pottwal und er trägt eine riesige rote Badehose. Apropos Badehose: Weil Cornelius so gerne liest, trägt er unter seiner Badehose stets seine wasserdichte Weltliteratursammlung mit sich.
Wir fassen zusammen: Cornelius Probstein ist ein ganz normaler Wal.

Die Geschäftsidee
Aus all den oben genannten Eigenschaften hat Cornelius ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt: Mit seinem sirenenähnlichen Gesang verführt er Kreuzfahrtschiffe zu einer Kursabweichung, lotst sie in die Nähe eines Eisberges und lässt den weißen Riesen seinen Dienst an ihnen tun. Anschließend zieht er seine rote Badehose straff, geht auf Tauchgang, rettet die Schiffbrüchigen und bringt sie an Land. Dort wird er als Held gefeiert und mit weltlichem Reichtum überschüttet. Das Geschäft boomt seit 1912 (aller Anfang ist schwer).
Mittlerweile ist Cornelius Probstein ein reicher und berühmter Pottwal. Aber ist er glücklich? Nein, glücklich ist er nicht. Dafür findet Cornelius die heutige Generation Schiffbrüchiger einfach zu blöde. Um das zu verstehen, genügt ein kurzer Blick auf seinen aktuellsten Coup.

Banausen!
Auch heute ist unser walischer Freund seinem kleinen Hobby nachgegangen und hat routiniert einen luxuriösen Kreuzfahrdampfer versenkt. Jetzt bietet sich ihm ein verstörendes Bild:
Hier versucht eine fitnessbewusste Urlauberin ihrem Schicksal auf einem langsam versinkenden Stepper davonzulaufen, dort drückt ein buckliger Junge panisch auf die X-Taste seines Gamepads, um sich über Wasser zu halten und die vom Untergang bedrohte WLAN-Kabine wird von einarmig schwimmenden Erwachsenen umkreist, die mit dem zweiten Arm ihr Smartphone gen Himmel strecken und Dinge rufen wie:  

„Ich habe noch zwei Striche Empfang!“
„Bei mir sind es sogar drei. IOS ist einfach am besten!“
„Und ich habe sogar LT…“ Gluck, gluck, gluck.

Eigentlich hat Cornelius überhaupt keine Lust, diese unsägliche Bande hilfloser Taugenichtse vor dem Ertrinken zu bewahren. Aber: Geschäft ist Geschäft.      
Kaum ist er mit der ersten Gruppe Überlebender aufgetaucht, da sammeln sich in  der Nähe seiner Fluke einige aufgebrachte Anzugträger, um eine Klageschrift gegen die Organisatoren der Kreuzfahrt aufzusetzen. Es sei absolut nicht hinnehmbar, so ein betagter Herr mit Seestern im Haar, dass der Kapitän die vorher festgelegte Route verlassen habe und es sei nahezu unzumutbar, seine Überstunden auf einem unbequemen Orca ohne Strom und warmes Wasser abzufeiern.
Cornelius ist kein Orca und er findet es ziemlich respektlos, als solcher bezeichnet zu werden. Früher hatte man ihn zumindest korrekt als Pottwal klassifiziert, um dann nette Dinge über Pottwale im Allgemeinen und Cornelius im Speziellen zu sagen. Zum Beispiel:

"Pottwale sind majestätische Tiere. Sie sind die Löwen des Ozeans."

Genug ist genug! Cornelius taucht. Nur ganz kurz. Warntauchen sozusagen. Walisches Waterboarding. Er kann nämlich auch anders. Als er wieder auftaucht, hat er die ungeteilte Aufmerksamkeit der klatschnassen Banausen und er nutzt sie, um klare Bedingungen zu stellen:

„1. Folgende Wahrheit erachtet ihr als selbstverständlich: Ich bin ein Pottwal und eure einzige Rettung.
2. Ihr werdet nur gerettet, wenn ihr euch als der Rettung würdig erweist.
3. Deshalb zieht ihr auf der Stelle die wasserdichte Weltliteratursammlung aus meiner roten Badehose und spielt Theater! Auf meinem Rücken.
4. Wer schlecht spielt, schwimmt mit den Haien.“ 

Nach einigem Murren machen sich die Schiffbrüchigen an die Arbeit. Sie entscheiden sich für „As You Like It“ - das ist recht kurz – und die Proben beginnen.
Schon sehr bald schwimmen sehr viele Darsteller mit den Haien. Cornelius ist eben Perfektionist. Und als er das rettende Ufer erreicht, ist  Lord Jacques der einzige Überlebende. Dieser wird von einem zittrigen und infolge der Reisestrapazen völlig abgemagerten Schiffbrüchigen verkörpert. In Endlosschleife gibt er die folgenden Verse zum Besten:

"Der ganze Wal ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen"

Es ist das erste Mal, dass Cornelius wirklich glücklich ist.