Freitag, 26. September 2014

Paderborn - Schöne neue Welt


Was es bis vor kurzem bedeutete, in Paderborn zu wohnen:

Auf einer Singleparty

42-jährige lispelnde Kindergärtnerin mit leichtem Überbiss und starkem Übergewicht: Wo wohnst du?

Ich: In Paderborn.

42-jährige: Ich bin sofort zurück, pudere mir nur kurz die Nase.

Ich: Das sagen sie alle.


Was es heute bedeutet, in Paderborn zu wohnen:


Auf einer Singleparty

21-jähriges Model: Wo wohnst du?

Ich: In Paderborn.

21-jähriges Model: Lass uns sofort zu dir nach Hause!

20-jähriges Model: Ich habe ihn zuerst gesehen!

19-jähriges Model: Ich bin bewaffnet, überlasst ihn mir!

Mehrere sehr junge Models (darunter auch einige Zwillinge) im Chor: Chuck, nimm uns doch einfach alle mit!

Polizistin: Ihr seid alle verhaftet! (zu mir) Hast du heute schon was vor?

Ich:  Halleluja!

Ich denke, diese alltägliche Situation aus meinem Leben illustriert auf recht anschauliche Weise, wie weitreichend die Folgen sind, die der überraschende Bundesliga-Aufstieg des SC Paderborn zeitigt. Bei aller Euphorie darf man jedoch nicht die Kehrseite des unverhofften Ruhmes vergessen. Gerade für den ruheliebenden Paderborner, der es sich seit Jahrhunderten mit Häkeldeckchen und Taschen-Wauwau auf dem Kuschelsofa Ostwestfalens bequem gemacht hat, lebt es sich neuerdings recht unbequem.  Deshalb  möchte ich nachfolgend einige der unerfreulicheren Episoden der jüngsten Geschichte jener Stadt erzählen, die sich in wenigen Wochen von einem hässlichen Provinzentlein zu einem stolzen Champions League-Schwan gemausert hat.


Episode 1: Das SCP-Brot

Nur wenige Tage nach dem Aufstieg sprang auch der Bäcker meines Vertrauens auf den lukrativen Marketing-Zug auf und bot eine neue Brotsorte feil, die in einer solchen Eile entwickelt worden war, dass sie jede erdenkliche Grenze des guten Geschmackes mit sagenhafter Gründlichkeit torpedierte. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, das Brot sei von einem in Kundennot geratenen Zahnarzt entwickelt worden. Doch sämtlichen Gesundheitsrisiken zum Trotz verkauft es sich bis heute wie warme Semmeln, während die vorher so beliebten warmen Semmeln ein bemitleidenswertes Schattendasein fristen. Hieße dieses Brot Roggenbrot, so wäre der Ruf des Roggenmehls bis zum jüngsten Tage dahin. Doch es heißt nicht Roggenbrot. Es heißt „SCP-Brot“.


                                                           Interessant für Demonstranten: Das SCP-Brot


Episode 2: Am digitalen Ticketschalter

Waren wir es aus Zweit- und Drittligazeiten noch gewohnt, mit dem Trecker direkt am Stadion zu parken und den einzigen Ordner durch kitzeln abzulenken, um unbemerkt in den kostenlosen Genuss eines kampflosen 0:3 gegen die ersatzgeschwächte Reserve des SV Sandhausen zu gelangen, müssen heuer völlig andere Geschütze aufgefahren werden: Wer ein Heimspielticket ergattern möchte, ist auf den Online-Vorverkauf angewiesen. Für den Online-Vorverkauf muss man online sein. Um online sein zu können, müssen DSL-Leitungen vorhanden sein. Wer auf vorhandene DSL-Leitungen zurückgreifen möchte, muss die Stadt verlassen. Die Stadt zu verlassen bedeutet, seine Ernte zu vernachlässigen. Wer seine Ernte vernachlässigt, kann sich keine Tickets leisten. Ein Teufelskreis.


Episode 3: Im Stadion            

Ich erwähnte es bereits. Der Paderborner liebt die Ruhe. Vormals herrschte deshalb auch in der hochmodernen Benteler-Arena vor allem eines: Ruhe. Ungestört unterhielt man sich über den kürzlichen Besuch Karls des Großen  oder die bevorstehende Abendmesse im Paderborner Dom. Doch seit man in der Benteler-Arena nicht mehr unter sich ist, ist das Privileg der Ruhe dem Lärmbedürfnis der Gästefans zum Opfer gefallen. Lautes Klatschen und bierseliger Gesang machen das vertrauliche Gespräch mit dem Sitznachbarn zur Tortur, so dass eine Interessengemeinschaft aus alteingesessenen Dauerkartenbesitzern eine Sammelklage einzureichen gedenkt, nach der das Austragen von Fußballspielen in der Benteler-Arena zumindest am Wochenende untersagt werden soll.

Donnerstag, 18. September 2014

Außenseiter

„Ich bin nicht tot, nach der Nachtschicht muss man mittags schlafen“, rufe ich und donnere von innen gegen den Sarg.

                             Der Trauerchor wird lauter.

Ich schaue an mir herunter und stelle fest, dass ich einen Schlafanzug trage. Um den Chor zu übertönen, verbrülle ich einen Großteil meines spärlichen Sauerstoffvorrats:

„Einschusslöcher im Kopf, ein Schnitt durch die Kehle, Treckerreifenabdrücke auf dem Körper. Das sind Indizien für den Tod. Ein Schlafanzug ist ein Indiz für Schlaf! Das kann doch nicht so schwer sein.“

                              Der Trauerchor wird lauter.

Angesichts meiner etwas unerfreulichen Situation beschließe ich,  über mein Leben nachzudenken. Ich denke an unpopuläre Entscheidungen, denke daran, dass ich es genoss, ein Außenseiter zu sein. So ein richtiger Outlaw eben. Mit allem Drum und Dran: Pornos, Pizzaservice undundund.
Na ja und wenn man so abschließend vor sich hindenkt, dann beginnt man eben auch zu zweifeln. Denn wenigstens in den letzten Augenblicken seines Lebens sollte man sich all die unangenehmen Fragen stellen, die man sich vorher nicht zu stellen vermochte, weil man ahnte, dass die Antworten unbequem sein würden. Eine kleine Auswahl: 

Sind Schlafanzüge kompostierbar?
Sind Klettverschlussschuhe wirklich Rock `n‘ Roll?
Ist ein Outlaw nicht doch nur ein Loser aus der Sicht des Losers?

Mein Gedankenstrom wird von einer Kinderstimme unterbrochen:

Kinderstimme: „Hey du da drin, kannst du mich hören?“
Ich: „Ja, hol mich hier raus.“
Kinderstimme: „Nur, wenn du mir sofort ein Himbeereis gibst.“
Ich: „Ein Himbeereis?“
Kinderstimme: „Ja, Himbeereis.“
Ich: „Geht auch Stracciatella?“
Kinderstimme: „Es gab schon bessere Momente, witzig zu sein.“

„Verdammte antiautoritäre Erziehung“, denke ich und schmeiße mich mit aller Kraft gegen die Seitenwand des Sarges.  

                              Der Trauerchor wird lauter.

Nach einigen weiteren Remplern beginnt das Holz nachzugeben. Es ist sehr billiges Holz. Durch einen kleinen Spalt fällt ein Sonnenstrahl auf meinen Schlafanzug und erinnert mich daran, wie schön das Leben ist. Dies ist ein Moment, über den man eigentlich nur eines sagen kann:

Die verdammte große Schwester der Mutter des memento mori!

Mit einem Tritt löse ich ein Brett aus dem Sarg und mein rechter Fuß baumelt in Freiheit. Irgendwie muss ich an meine Zeit als Seifenkistenarchitekt denken. Warum hat man die besten Ideen eigentlich immer erst dann, wenn es zu spät ist?
Aus allen Ecken höre ich ungeduldiges Murren:

„Es wird Zeit, den Kerl unter die Erde zu bringen, um 18 Uhr ist E-Jugend-Training.“
                                                                                                                                                                                                     Wir essen zeitig.“
                                      „Der Kaufland macht gleich dicht.“
„Mit dieser Trödelei kannste keen Kriech gewinnen.“          
                                                            „Ja, watt iss denn jetzt?“

Ich spüre, wie der Sarg angehoben und dann langsam in eine Grube hinabgelassen wird. Ein Paradies für einen Fahrstuhlphobiker. Mein in Freiheit baumelnder rechter Fuß verkantet sich an der Grubenwand und zieht eine astreine Furche.

                               Der Trauerchor wird leiser.

Kaum unten angekommen, plumpst die erste Erde auf den Sarg. Es geht sehr schnell. Offensichtlich hat das ganze Dorf eine eigene Schaufel mitgebracht.

                               Der Trauerchor wird leiser.

Das letzte, was ich höre, bevor es düster wird:

 „Tja, schade dass er nicht in den Schützenverein eintreten wollte."

                              Der Trauerchor verstummt.