Freitag, 16. September 2016

Rap-Battle mit Hafti

„Ich bin's, Baba Haft, der Macher, Motherfucker, wer bist du?“
                                 - Haftbefehl -

Lieber Baba, bin kein Macher, dafür aber Machen-Lasser,
ich bin Lehrer, Motherfucker, jetzt kommst du.
                        - Chuck Nunn jr. -

Sonntag, 15. November 2015

Ein Waran und ich

Ein gemischtes Drama 

Prolog

„Der Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt ist die Spezialität des Komodowaran bei seinem Beutezug. Der Komodowaran wartet geduldig in seinem Versteck, bis ein großes Beutetier nah genug herangekommen ist, ohne den Waran wahrzunehmen. Dann überfällt der das Tier blitzschnell und beißt mit seinen Kiefern zu. […]Auch wenn der Komodowaran ein Tier nach einem Biss loslässt, stirbt es unweigerlich in den nächsten Tagen an einer Blutvergiftung und wird somit letztlich doch das Opfertier des Komodowaran, der dem Tier mittels Einsatz seines Jacobson-Organs einfach folgt und dessen Tod abwartet.“ (Quelle)


Zueignung
Vor nunmehr fünf Minuten wurde ich von einem Waran gebissen. In Paderborn. Er habe sich ein wenig verlaufen, behauptet der Waran und jetzt müsse eben gegessen werden, was auf den Tisch kommt. Jetzt läuft er geduldig bei Fuß und wartet auf mein Ableben. Nach einer Weile wird ihm langweilig und er versucht, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Das Gespräch beginnt schleppend.

I. Akt: Mir wird ein wenig blümerant
(Szene: Fußgängerzone in Paderborn)
Ein Waran, Arnold von Melchtal, ein Tempelherr, mehrere Fußgänger und ich


Arnold von Melchtal (zum Tempelherrn): Achtung, ein Bus!
Tempelherr: Wo?

Arnold von Melchtal und der Tempelherr werden von einem Bus der Linie 4 erfasst. Sie spielen im weiteren Verlauf des Dramas keine Rolle.
Waran (zu mir): Bist du mit dem heutigen Tag insgesamt zufrieden?
Ich: Ich wurde von einem Waran gebissen.
Waran: Und sonst?
Ich: Vorausgesetzt, das Wetter bleibt so, können wir zufrieden sein.

Unser Gespräch wird durch panische Fußgänger gestört. Warane ist man hier nicht gewohnt. Einige filmen uns aus sicherer Entfernung mit ihren Smartphones.

Waran (zu einem filmenden Fußgänger): Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen, Sie Wichser.
Waran (zu mir): Kranke Welt. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, Smalltalk. Als ich jung war, hat meine Mutter immer gesagt, dass man mit Essen nicht spielt.

Der Waran denkt nach und schaut mich nach einer Weile schuldbewusst an.

Waran: Hast du das Gefühl, dass ich mit dir spiele?
Ich: Ne.
Waran (erleichtert): Das beruhigt mich. Aber warum bist du dann so wortkarg?
Ich: Ich wurde von einem Waran gebissen.
Waran: Das ist ja furchtbar!
Ich: Machst du dich lustig über mich?
Waran: Ganz und gar nicht, über Waranbisse macht man keine Scherze. Die führen nämlich unweigerlich zum Tode.
Ich: Kann es sein, dass du ein wenig schizophren bist?
Waran: Ich möchte diese Bluse nicht kaufen.

Ich beschließe, bei meinem Hausarzt anzurufen und einen Termin zu erbitten.

II. Akt: Alter, ist mir schlecht!
(Szene: Telefonzelle in der Paderborner Fußgängerzone)
Ein Waran, eine Sprechstundenhilfe (am Telefon) und ich


Sprechstundenhilfe: Praxis Dr. Faustus, wie kann ich Ihnen helfen?
Ich: Ich wurde von einem schizophrenen Waran gebissen.
Sprechstundenhilfe: Aha.
Ich: Kann ich sofort vorbeikommen?
Sprechstundenhilfe: Sind sie privat versichert?
Ich: Nein.
Sprechstundenhilfe: Sie könnten am 19. Februar vorbeikommen.
Ich: Welches Jahr?
Sprechstundenhilfe: Moment.

Warteschleife
Waran (stupst mich von der Seite an): Das mit der Bluse war ein Scherz.
Sprechstundenhilfe
(zurück am Apparat): 2017.
Ich: Der Waran ist doch nicht schizophren. Nur witzig.
Sprechstundenhilfe: Ah, dann können sie sofort vorbeikommen.
Ich: Super, bin gleich da.
Sprechstundenhilfe: Das war ein Witz, Sie Idiot. Machen Sie Ihre Telefonstreiche woanders.

Tuten am Ende der Leitung.

Waran: Aufgelegt?
Ich: Ja.
Waran (sehr bewegt): Was für eine kranke Welt, in der niemand mehr an schizophrene Warane, übergewichtige Elfen und riesige Zwerge glaubt! Aus Fantasie wird Monotonie, Weisheit wird zu Wissen, funkelnde Sterne zu grauen Planeten. Welch entzauberte Welt, in der Märchenwesen nur noch digital erschaffen werden, damit dicke Kinder sie totklicken können, in der Märchenwälder in Designerkamins, die in weiß gestrichenen Räumen neben schwarzen Möbeln stehen, eingeschlossen und verbrannt, in der Prinzessinnen geliftet statt gerettet und Riesen statt in die Berge in den Ring geschickt werden. Wir leben in einer Welt, in der Drachen gelenkt, Zwerge geworfen und Wölfe gelaufen werden. Welch entzauberte Welt, die keinen Platz für das letzte Einhorn, aber 17.000 Quadratmeter für die Erweiterung eines Einkaufszentrums übrig hat und in der Ritter twittern, statt in große Abenteuer zu schlittern, in dieser…
Ich (den Waran unterbrechend): So eine Scheiße hab ich noch nie gehört. 
Waran: Wenn ich hungrig bin, werde ich für gewöhnlich sentimental. 

IV. Akt (der dritte Akt wird einfach übersprungen): Die Übelkeit hat ein wenig nachgelassen, auch ich werde hungrig (retardierendes Moment)
(Szene: Eine Subway-Filiale)
Ein Waran, König Lear, ein Angestellter,  einige Kunden und ich


König Lear (zum Angestellten): Ohne Gurken, hatte ich gesagt!

König Lear, der unter einer starken Gurkenallergie leidet, erstickt und spielt im weiteren Verlauf des Dramas keine Rolle mehr.

Ich (zum Angestellten): Ich nehme das Sub des Tages.
Waran (grinsend zum Angestellten): Ich nehme nur das Brot. Aber bitte in einem Meter achtzig. Ich belege es selber und nenne es Matroschka-Sub.

Keiner der anwesenden Gäste lacht, nur ich muss schmunzeln. Anschließend verlassen wir den Laden. Ich mit meinem Sub, der Waran in einer äußerst sentimentalen Verfassung.

V. Akt: Schweißausbrüche, unkontrollierbares Zittern, Bluthusten
 (Szene: Fußgängerzone in Paderborn)
Ein Waran und ich
Waran: Weißt du, als du vorhin als einziger über meinen Witz gelacht hast, hatte ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, einen richtigen Freund zu haben.
Ich (röchelnd): Das Blöde ist nur, dass diese Freundschaft keine Zukunft hat.
Waran (entsetzt): Warum?
Ich (mit letzter Kraft): Ich wurde von einem Waran gebissen.
Waran (vollkommen panisch, immerhin geht es um seinen einzigen echten Freund): Das ist ja furchtbar. Du musst sofort in ein Krankenhaus!

VI. Akt: Krise
 (Ein Krankenhaus in Paderborn)
Ein Waran, ein Arzt, allerhand medizinisches Personal, Muhammad Ali und ich
Arzt (zu Muhammad Ali): Herr Ali, ich befürchte, wir können nichts mehr für Sie tun. Sie hätten das Wildschwein nicht provozieren sollen, nicht in Ihrem Alter.

Muhammad Ali erliegt den Folgen einer Wildschweinattacke und spielt im weiteren Verlauf des Dramas keine Rolle mehr.

Arzt (zu sich selbst): Erst Arnold von Melchtal und ein Tempelherr, dann König Lear und jetzt auch noch Muhammad Ali. Das glaubt mir eh wieder keiner.
Waran (laut in die Runde): Wir brauchen Hilfe, mein Freund wurde von einem Waran gebissen!

Epilog
Nach einer mehrstündigen Not-OP wache ich auf. Neben mir sitzen meine Eltern und ein Waran. Der Waran nippt an einem grünen Tee und isst dazu einen grünen Salat. Das ist der schönste Freundschaftsbeweis, den es je gegeben hat.

Samstag, 13. Juni 2015

Ludwig muss sterben



Einhörner sind Pferde mit Profilneurose. Das ist ein Fakt. Das finden zumindest Ludwigs Eltern. Eine Profilneurose ist, wenn man versucht, jemand zu sein, der man eigentlich gar nicht ist, weil man sich für jemanden hält, der man gar nicht so gerne sein möchte, wie der, der man zu sein versucht. So haben es zumindest Ludwigs Eltern erklärt. Und dann haben sie gesagt, dass er gefälligst aufhören soll, so zu tun, als wäre er ein Einhorn, nur weil er eine Beule auf der Stirn hat. Dabei tun Beulen eigentlich weh und das ist doch wohl auch ein Fakt, findet Ludwig.
Na ja, auf jeden Fall versteht sich Ludwig nicht so gut mit seinen Eltern. Und mit den anderen Pferden versteht er sich auch nicht so gut. Sie sagen, dass nicht jeder, der eine Narbe auf der Stirn hat, gleich Harry Potter sei. Deshalb ist Ludwig am liebsten alleine. Dann macht er Dinge, die nur Einhörner machen. Stockbrot zum Beispiel. Ohne Stock. Davon bekommt man eine heiße Stirn und es ist ganz schön knifflig, das Stockbrot mit den Vorderhufen vom Horn zu kratzen. Aber das schmeckt, sage ich euch! Außerdem kann er sich auf sein Horn stützen und dann herumwirbeln wie ein riesiger Kreisel. Davon bekommt man einen Drehwurm und einen Drehwurm zu haben ist mindestens so cool wie das, was die Menschen "betrunken" nennen. Das ist Lebensqualität. Wer braucht da schon Freunde?
Doch gerade das, also dass Ludwig keine Freunde hat und trotzdem glücklich ist, macht die herkömmlichen Pferde stutzig. Ludwig ist ihnen suspekt. Wer suspekt ist - das weiß jedes Fohlen - gefährdet die Gemeinschaft und wer die Gemeinschaft gefährdet, muss weg. Für immer.

Ein teuflischer Plan
Also - ihr ahnt es bereits - planen die Pferde ein teuflisches Attentat. Das Teuflische an dem Attentat ist, dass es Ludwig dort packen soll, wo er einzigartig ist. An seinem Horn. Der Plan geht so:
Ludwig liebt Musik. Na ja, er liebt Scooter. Zu "Faster, harder, Scooter" kann man einfach am besten kreiseln. Deshalb platzieren die Attentäter einen riesigen Ghettoblaster in einem abgelegenen Waldstück. Dann buddeln sie rundherum einen tiefen Graben und decken ihn mit Ästen und Blättern ab. Schließlich spielen sie Scooter auf maximaler Lautstärke und verstecken sich im Gebüsch. Wie gesagt: teuflisch!
Der Plan geht auf. Ludwig hört die Musik, macht einen Luftsprung, galoppiert in den Wald, stützt sich auf sein Horn, kreiselt zum Takt und stürzt ins Verderben. Er verhungert.

Ich bin König
Tja lieber Leser, damit hast du nicht gerechnet was? Die Geschichte fing ja irgendwie ganz drollig an und du wähntest dich in Sicherheit. Warst sicher, dass Ludwig am Ende sein Glück finden würde, so wie das Hömmchen oder Cornelius. Da hast du dich ganz schön einlullen lassen von mir, dem vermeintlich treu-doofen Erzähler. Ich sag dir mal was: Das ist meine Geschichte und wenn mich dieser Scooter hörende Mistgaul nervt, dann lass ich ihn eben verhungern. Punkt. Im Übrigen hatten Ludwigs Eltern recht. Er hatte gar kein Horn, das war einfach nur eine picklige Beule. Die sah furchtbar aus, das sag ich dir. Und ich sag dir noch was: Außer Ludwig sind auch noch 45 Sumatra-Orang-Utans in die Grube gestürzt. Die sind vom Aussterben bedroht. Die Grube war pickepackevoll und dann gute Nacht Marie. Jetzt fragst du, ob wenigstens die ach so bösen Pferde für ihre Hinterlist bestraft wurden? Nö. Die galoppieren glücklicher in die Abenddämmerung als der verdammte Jolly Jumper auf der letzten Seite der Lucky Luke-Comics. Das ist so, weil ich es so will und wenn ich es mir morgen anders überlege, werden sie halt von einem Zug überfahren. Hier bin ich König und ich bin eine richtige Drecksau, merk dir das.
Darf es zum Einschlafen noch ein kleines Märchen sein? Sehr gerne: Es war einmal eine Prinzessin und die war so hässlich, dass sie bis an ihr Lebensende alleine blieb. Ende.   

Mittwoch, 28. Januar 2015

Cornelius

Die Geschichte des kulturpessimistischen Ganovenwals Cornelius Probstein

 

Wer ist Cornelius?

Cornelius Probstein ist ein exorbitant großer Wal. Etwas präziser: Cornelius ist ein exorbitant großer Pottwal. Und weil Cornelius so gerne singt, können wir sein Wal-Sein ein weiteres Mal präzisieren: Cornelius ist ein exorbitant großer I-Pottwal. Außerdem ist er der absolut beste Rettungsschwimmer der Welt. Warum das so ist? Ganz einfach: Weil Cornelius die perfekte Mischung aus Moby Dick und dem frühen David Hasselhoff ist. Er ist groß und stark wie ein Pottwal und er trägt eine riesige rote Badehose. Apropos Badehose: Weil Cornelius so gerne liest, trägt er unter seiner Badehose stets seine wasserdichte Weltliteratursammlung mit sich.
Wir fassen zusammen: Cornelius Probstein ist ein ganz normaler Wal.

Die Geschäftsidee
Aus all den oben genannten Eigenschaften hat Cornelius ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt: Mit seinem sirenenähnlichen Gesang verführt er Kreuzfahrtschiffe zu einer Kursabweichung, lotst sie in die Nähe eines Eisberges und lässt den weißen Riesen seinen Dienst an ihnen tun. Anschließend zieht er seine rote Badehose straff, geht auf Tauchgang, rettet die Schiffbrüchigen und bringt sie an Land. Dort wird er als Held gefeiert und mit weltlichem Reichtum überschüttet. Das Geschäft boomt seit 1912 (aller Anfang ist schwer).
Mittlerweile ist Cornelius Probstein ein reicher und berühmter Pottwal. Aber ist er glücklich? Nein, glücklich ist er nicht. Dafür findet Cornelius die heutige Generation Schiffbrüchiger einfach zu blöde. Um das zu verstehen, genügt ein kurzer Blick auf seinen aktuellsten Coup.

Banausen!
Auch heute ist unser walischer Freund seinem kleinen Hobby nachgegangen und hat routiniert einen luxuriösen Kreuzfahrdampfer versenkt. Jetzt bietet sich ihm ein verstörendes Bild:
Hier versucht eine fitnessbewusste Urlauberin ihrem Schicksal auf einem langsam versinkenden Stepper davonzulaufen, dort drückt ein buckliger Junge panisch auf die X-Taste seines Gamepads, um sich über Wasser zu halten und die vom Untergang bedrohte WLAN-Kabine wird von einarmig schwimmenden Erwachsenen umkreist, die mit dem zweiten Arm ihr Smartphone gen Himmel strecken und Dinge rufen wie:  

„Ich habe noch zwei Striche Empfang!“
„Bei mir sind es sogar drei. IOS ist einfach am besten!“
„Und ich habe sogar LT…“ Gluck, gluck, gluck.

Eigentlich hat Cornelius überhaupt keine Lust, diese unsägliche Bande hilfloser Taugenichtse vor dem Ertrinken zu bewahren. Aber: Geschäft ist Geschäft.      
Kaum ist er mit der ersten Gruppe Überlebender aufgetaucht, da sammeln sich in  der Nähe seiner Fluke einige aufgebrachte Anzugträger, um eine Klageschrift gegen die Organisatoren der Kreuzfahrt aufzusetzen. Es sei absolut nicht hinnehmbar, so ein betagter Herr mit Seestern im Haar, dass der Kapitän die vorher festgelegte Route verlassen habe und es sei nahezu unzumutbar, seine Überstunden auf einem unbequemen Orca ohne Strom und warmes Wasser abzufeiern.
Cornelius ist kein Orca und er findet es ziemlich respektlos, als solcher bezeichnet zu werden. Früher hatte man ihn zumindest korrekt als Pottwal klassifiziert, um dann nette Dinge über Pottwale im Allgemeinen und Cornelius im Speziellen zu sagen. Zum Beispiel:

"Pottwale sind majestätische Tiere. Sie sind die Löwen des Ozeans."

Genug ist genug! Cornelius taucht. Nur ganz kurz. Warntauchen sozusagen. Walisches Waterboarding. Er kann nämlich auch anders. Als er wieder auftaucht, hat er die ungeteilte Aufmerksamkeit der klatschnassen Banausen und er nutzt sie, um klare Bedingungen zu stellen:

„1. Folgende Wahrheit erachtet ihr als selbstverständlich: Ich bin ein Pottwal und eure einzige Rettung.
2. Ihr werdet nur gerettet, wenn ihr euch als der Rettung würdig erweist.
3. Deshalb zieht ihr auf der Stelle die wasserdichte Weltliteratursammlung aus meiner roten Badehose und spielt Theater! Auf meinem Rücken.
4. Wer schlecht spielt, schwimmt mit den Haien.“ 

Nach einigem Murren machen sich die Schiffbrüchigen an die Arbeit. Sie entscheiden sich für „As You Like It“ - das ist recht kurz – und die Proben beginnen.
Schon sehr bald schwimmen sehr viele Darsteller mit den Haien. Cornelius ist eben Perfektionist. Und als er das rettende Ufer erreicht, ist  Lord Jacques der einzige Überlebende. Dieser wird von einem zittrigen und infolge der Reisestrapazen völlig abgemagerten Schiffbrüchigen verkörpert. In Endlosschleife gibt er die folgenden Verse zum Besten:

"Der ganze Wal ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen"

Es ist das erste Mal, dass Cornelius wirklich glücklich ist.  

Donnerstag, 6. November 2014

Das Hömmchen



Achtung! Die nachfolgende Geschichte kann Spuren von Fiktion enthalten.


Plötzlich ist das Hömmchen da. Einfach so. Ohne Mama, ohne Papa. Einfach da. Doch es hat ein Problem: Es gibt keine Hömmchen. Das könnt ihr gerne googeln. Und mit dem Nicht-Sein ist das so eine Sache. Wer nicht ist, kann nicht essen und wer nicht isst, der verhungert.
Verhungern findet das Hömmchen blöde. Außerdem ist es einsam und das ist auch blöde.   

Existenzielle Checkliste
Also packt das Hömmchen seinen Rucksack und macht sich auf die Suche nach jemandem, der seine Existenz bestätigt.

Existenzbestätigung heißt:
Jemand…
-          sieht das Hömmchen.
-          erkennt es als etwas an, das wirklich in der echten Welt ist.
-          mag das Hömmchen.
-          packt alle anderen am Schlafittchen und schüttelt sie so lange, bis sie ihrerseits an das Hömmchen glauben.

Ein pickepackevoller Rucksack
Zuerst packt das Hömmchen eine Trompete in den Rucksack. Die Trompete muss mit. Nicht etwa, weil das Hömmchen ein guter Trompeter wäre - in Wahrheit ist es ein ganz und gar abscheulicher Trompeter- sondern einzig zu dem Zweck, dass jemand das Hömmchen hören möge. Denn was man hört, das existiert, daran wird wohl niemand zweifeln.
Weiter packt es eine Fertigpizza in seinen Rucksack. Eine Pizza zu essen wäre das absolut erste, was das Hömmchen täte, wenn man es als etwas Seiendes anerkennen würde. Immerzu muss sich das Hömmchen vorstellen, wie wohl eine Pizza schmeckt. Doch wenn es dann eine Pizza essen will, sagt die Pizza:
„Ich habe auch meinen Stolz.“
Zuletzt steckt es noch ein Smartphone zwischen die Pizza und die Trompete. Ein Selfie zu machen wäre das absolut zweite, was das Hömmchen täte, wenn man es als etwas Seiendes anerkennen würde. Das könnte es dann mit #seinistfein twittern und schon bald würde jeder das Hömmchen kennen. Sogar Google.
Jetzt ist der Rucksack so voll, dass sich der Reißverschluss überhaupt nicht mehr schließen lässt. Das ist aber fast gar nicht schlimm, weil sich Trompete, Pizza und Smartphone ja gegenseitig festhalten.
Die Suche
Endlich macht sich das Hömmchen voller Zuversicht auf die Suche nach seinem ersten Freund. Ein Freund soll es sein, doch kein bestimmter. Anspruchsdenken ist der Tod des kleinen Mannes, findet das Hömmchen und fürs erste tut es auch ein nicht so toller Freund.
Deshalb besucht es zuerst den Bäcker. Der Bäcker hat nämlich auch keine Freunde, weil sein Brot so hart ist und weil er so viel Kümmel reintut. Da könnte man sich ja prima zusammentun, denkt das Hömmchen.
Es betritt die Bäckerei.
„Ich bin das Hömmchen. Lass uns Freunde sein!“, ruft das Hömmchen.
Allerdings denkt der Bäcker gar nicht daran, das Hömmchen zu sehen und auch seine Trompete will er nicht hören und sogar auf die vielen schlimmen Wörter, die es dann ruft (z.B. „Backheini“) reagiert er nicht, bis es schließlich beleidigt davonstampft. Ohne Freund, ohne beglaubigte Existenz, ohne Selfie.
Doch das Hömmchen ist unbeirrbar. Niemand wird es bei seiner Suche aufhalten, da ist es sich sicher, denn niemand kennt das Hömmchen und es wäre absurd zu glauben, dass irgendjemand zu jemand anderem sagen würde:

„Komm wir halten das Hömmchen auf, sonst trinkt es uns den Apfelsaft weg“.

Also nimmt es seinen Rucksack und macht sich auf den Weg zu anderen Menschen, von denen es glaubt, dass sie keine Freunde haben. Zum Beispiel zu Emos. Das Problem ist: Emos haben Freunde. Mit denen sind sie dann zusammen traurig, obwohl sie doch Freunde haben. Das wiederrum versteht das Hömmchen nicht und es wird seinerseits traurig. Traurig, weil es keine Freunde hat, traurig, weil Leute mit Freunden traurig sind, nur um der Trauer willen, traurig weil niemand seine Trompete spielen hört und traurig, weil dieser verdammte Rucksack so schwer ist.

The Cabin in the Woods
Als es fast schon dunkel ist, gelangt das Hömmchen an eine sehr abgelegene Waldhütte. Mit abgelegenen Hütten sollte man vorsichtig sein, findet das Hömmchen. In abgelegenen Hütten zu wohnen macht grundsätzlich verdächtig. Innerlich macht es eine Liste von Bewohnern abgelegener Hütten:
-          die Pfefferkuchenhexe
-          der Waldschrat
-          Räuber Grapsch  
-          Jason
Abgesehen vom Räuber Grapsch (der ist nett) ist das eine furchteinflößende Liste. Doch das Hömmchen ist mutig. Es klopft an die Tür. Jemand öffnet. Es ist der Waldschrat.

Hömmchen: Hallo Waldschrat, ich bin das Hömmchen.
Waldschrat: Hallo Hömmchen, ich bin der Waldschrat.
Hömmchen: Mmh…
Waldschrat: Tjoa…
Hömmchen: Mit dem Wetter haben wir ja Glück gehabt.
Waldschrat: Ja, die Tage sind kurz und kalt. 

Es folgen einige sehr lange Augenblicke peinlicher Stille, dann: 

Hömmchen: Darf ich reinkommen?
Waldschrat: Klar, klar!

                                  The Cabin In The Woods. Davor (nicht für jeden sichtbar): Das Hömmchen

Erleichtert tritt das Hömmchen ein. Es gelangt in einen kleinen Vorraum. In der linken Ecke sieht es eine Kiste mit Smartphones, rechts einen riesigen Stapel ungeöffneter Fertigpizzen. Die Fertigpizzen haben mit Tomatenmark ein Mantra an die Wand geschmiert:
NEVER AGAIN. NEVER TRUST FANTASY FIGURES. WE FIRST, ALWAYS.
Das Hömmchen kramt in seinem Rucksack und packt Smartphone und Pizza auf die dafür vorgesehenen Stapel.
„Und die Trompete?“, fragt es.
„Die kannst du mitnehmen, Musik fördert die Gemeinschaft“, antwortet der Waldschrat.
Dann betreten sie einen riesigen Gemeinschaftsraum. In der Mitte sitzen in einem Stuhlkreis:   
-          die Pfefferkuchenhexe
-          Räuber Grapsch 
-          Jason
-          Lord Voldemort mit Harry Potter auf dem Schoß
-          viele andere
Der Waldschrat und das Hömmchen setzen sich dazu. Man unterhält sich über die entzauberte Welt, die Diktatur der Logik, fehlende Anerkennung und den Geschmack von Pizza. Später spielt das Hömmchen auf seiner Trompete. Alle anderen laufen hektisch um den Stuhlkreis und wenn das Hömmchen mit dem Trompeten aufhört, setzen sie sich wieder hin. Es sind genügend Stühle da. Hier wird niemand mehr ausgeschlossen. Hier ist Existenz Nebensache. Es ist das erste Mal, dass das Hömmchen wirklich glücklich ist.