Montag, 28. August 2017

Amazon

                                        Die Vorgeschichte zu Kafkas "Verwandlung"


Ich zitiere aus meiner Amazon-Bestellhistorie:
 
-    Darth Vader-Wackelfigur (mittelgroß, wackelnd)
-    Blogging für Dummies
-    Karaoke Komplett-Set (Mallorca-Edition)
-    lebensgroßer T-Rex in Angriffshaltung
-    Peter Zwegat: Raus aus der Schuldenfalle!

Für all das habe ich nicht ein einziges Mal das Haus verlassen. Mittlerweile ist mein Zimmer so voll, dass sich dort neulich der folgende Dialog zweier Stubenfliegen ereignete:

Kleine Stubenfliege: Mami, darf ich hier das Fliegen lernen?
Mutter der kleinen Stubenfliege: Nein.

Bezeichnend. 
Ich brauche sofort mehr Platz und tippe bei Amazon "Zusatzzimmer" ins Suchfeld ein. Vier Treffer. Ich klicke auf den ersten Treffer und lese eine Kundenrezension:

Die geräumigen 15 m2 können  problemlos an einer stabilen Fensterbank befestigt werden. Mit Teppich auf dem Boden und Familienfoto an der Wand (beides separat erhältlich) wird es sofort gemütlich. Achtung:  Bei starkem Wind kann es vorkommen, dass sich das Zimmer von der Fensterbank löst. Muss dann aufgeräumt werden.
3/5 Sterne

Ich bestelle das Zimmer, einen Teppich und ein willkürlich ausgewähltes Familienfoto. Acht Stunden später klingelt es an der Tür. Ich schaue aus dem Fenster und sehe den Postboten. An einer kurzen Leine führt er ein Nashorn mit sich. Das Nashorn trägt mein Paket und scheint ziemlich sauer zu sein.
"Ruhig Hannibal", ruft der Postbote immerzu, "ganz ruhig".
Mit dem grenzenlosen Selbstbewusstsein eines Prime-Kunden drücke ich auf die Gegensprechanlage und sage:
„Achter Stock.“                               
Unter mächtigem Gepolter kämpfen sich Nashorn und Postbote durch das Treppenhaus. Ich filme das Spektakel und poste es bei Facebook. Keine Likes. Ist wohl zu alltäglich. Oben angekommen baut sich das Nashorn bedrohlich vor mir auf.

Nashorn: Wenn ich Sie eines Tages auf der Straße treffe, töte ich Sie. Sie werden mich nicht kommen hören. Plötzlich bin ich da und Sie sind tot. Ich schwöre.
Ich: Sie sind ein Nashorn. Nashörner sind riesig, die können sich nicht anschleichen.
Nashorn: Ich werde Pantoffeln tragen.

"Wenn Sie dann bitte endlich unterschreiben würden", unterbricht der ungeduldige Postbote unser kleines tête-à-tête und hält mir einen elektronischen Unterschriftenapparat hin. Ich unterzeichne mit "Carlo der Zoowärter" und zwinkere dem Nashorn provokant zu.
"Wichser", sagt das Nashorn.
"Sie müssen mit Ihrem richtigen Namen unterschreiben", sagt der Postbote.
Ich tue, wie mir geheißen und meine neuen Freunde ziehen weiter. Wieder alleine hänge ich mein neues Zimmer an die Fensterbank. Gefällt mir nicht. Ich logge mich bei Amazon ein und wähle die Option "Rücksendung von der Post abholen lassen".
Am nächsten Morgen klingelt es an der Tür. Zwei Mal. Ich schaue nach draußen und sehe den Postboten. Und das Nashorn. Es trägt Pantoffeln. Ich drücke auf die Gegensprechanlage und sage:
"Wenn der Postbote vorher klingelt, nützen die Pantoffeln nichts."
Am Gesichtsausdruck des Nashorns erkenne ich, dass es mir innerlich Recht geben muss. Es scharrt mit den Hufen, schnaubt und zeichnet mit seinem Horn Totenköpfe in die Luft. Unter diesen Umständen halte ich eine direkte Begegnung für keine gute Idee und wuchte das Paket aus dem Fenster.
Das Zimmer hängt jetzt am Horn und ein zufällig vorbeikommender GEZ-Mitarbeiter fordert die ausstehenden Rundfunkgebühren ein.
"Die Gebühren werden jetzt pro Haushalt und nicht nach Empfangsgeräten erhoben", weist er die Proteste des Nashorns zurück.
Mein Mitbewohner, der dem Schauspiel bisher kommentarlos beigewohnt hat, wirkt zunehmend besorgt und zitiert einen Wikipedia-Artikel über Nashörner: 

"Ein Nashorn läuft überdies bis zu 45 km/h (12,5 m/s) schnell und übertrifft damit knapp menschliche Spitzensportler. Die afrikanischen Nashornarten, setzen ihre häufig wesentlich längeren Hörner – vor allem das Nasalhorn – neben Drohgebärden auch aktiv als Waffe ein, um damit den Gegner mittels Aufspießens zu schwächen."

Ich linse ein weiteres Mal durch den Türspion. Das Nashorn hat Anlauf genommen und nimmt nun Kurs auf unsere ohnehin etwas marode Haustür. Der Postbote weht an der Leine hinter ihm her und wirkt in seiner gelben Tracht wie ein Autofähnchen der brasilianischen Nationalmannschaft. Wenige Augenblicke später steht das Nashorn neben mir im Flur. Es trägt jetzt eine Robe und hält sein Schlussplädoyer:

"Als wir noch im Zoo lebten, pflegte mein Vater zu sagen, die Hölle, das seien die anderen Nashörner. Seit ich bei der Post bin, sehe ich das ein bisschen anders: Die Hölle, das sind die Homeshopper!"

Dann nimmt es mich aufs Horn und schleudert mich aus dem Fenster. Am nächsten Morgen wache ich auf und bin ein Käfer.

Montag, 21. August 2017

Das Hömmchen



Achtung! Die nachfolgende Geschichte kann Spuren von Fiktion enthalten.


Plötzlich ist das Hömmchen da. Einfach so. Ohne Mama, ohne Papa. Einfach da. Doch es hat ein Problem: Es gibt keine Hömmchen. Das könnt ihr gerne googeln. Und mit dem Nicht-Sein ist das so eine Sache. Wer nicht ist, kann nicht essen und wer nicht isst, der verhungert.
Verhungern findet das Hömmchen blöde. Außerdem ist es einsam und das ist auch blöde.   

Existenzielle Checkliste
Also packt das Hömmchen seinen Rucksack und macht sich auf die Suche nach jemandem, der seine Existenz bestätigt.

Existenzbestätigung heißt:
Jemand…
-          sieht das Hömmchen.
-          erkennt es als etwas an, das wirklich in der echten Welt ist.
-          mag das Hömmchen.
-          packt alle anderen am Schlafittchen und schüttelt sie so lange, bis sie ihrerseits an das Hömmchen glauben.

Ein pickepackevoller Rucksack
Zuerst packt das Hömmchen eine Trompete in den Rucksack. Die Trompete muss mit. Nicht etwa, weil das Hömmchen ein guter Trompeter wäre - in Wahrheit ist es ein ganz und gar abscheulicher Trompeter- sondern einzig zu dem Zweck, dass jemand das Hömmchen hören möge. Denn was man hört, das existiert, daran wird wohl niemand zweifeln.
Weiter packt es eine Fertigpizza in seinen Rucksack. Eine Pizza zu essen wäre das absolut erste, was das Hömmchen täte, wenn man es als etwas Seiendes anerkennen würde. Immerzu muss sich das Hömmchen vorstellen, wie wohl eine Pizza schmeckt. Doch wenn es dann eine Pizza essen will, sagt die Pizza:
„Ich habe auch meinen Stolz.“
Zuletzt steckt es noch ein Smartphone zwischen die Pizza und die Trompete. Ein Selfie zu machen wäre das absolut zweite, was das Hömmchen täte, wenn man es als etwas Seiendes anerkennen würde. Das könnte es dann mit #seinistfein twittern und schon bald würde jeder das Hömmchen kennen. Sogar Google.
Jetzt ist der Rucksack so voll, dass sich der Reißverschluss überhaupt nicht mehr schließen lässt. Das ist aber fast gar nicht schlimm, weil sich Trompete, Pizza und Smartphone ja gegenseitig festhalten.

Die Suche
Endlich macht sich das Hömmchen voller Zuversicht auf die Suche nach seinem ersten Freund. Ein Freund soll es sein, doch kein bestimmter. Anspruchsdenken ist der Tod des kleinen Mannes, findet das Hömmchen und fürs erste tut es auch ein nicht so toller Freund.
Deshalb besucht es zuerst den Bäcker. Der Bäcker hat nämlich auch keine Freunde, weil sein Brot so hart ist und weil er so viel Kümmel reintut. Da könnte man sich ja prima zusammentun, denkt das Hömmchen.
Es betritt die Bäckerei.
„Ich bin das Hömmchen. Lass uns Freunde sein!“, ruft das Hömmchen.
Allerdings denkt der Bäcker gar nicht daran, das Hömmchen zu sehen und auch seine Trompete will er nicht hören und sogar auf die vielen schlimmen Wörter, die es dann ruft (z.B. „Backheini“) reagiert er nicht, bis es schließlich beleidigt davonstampft. Ohne Freund, ohne beglaubigte Existenz, ohne Selfie.
Doch das Hömmchen ist unbeirrbar. Niemand wird es bei seiner Suche aufhalten, da ist es sich sicher, denn niemand kennt das Hömmchen und es wäre absurd zu glauben, dass irgendjemand zu jemand anderem sagen würde:

„Komm wir halten das Hömmchen auf, sonst trinkt es uns den Apfelsaft weg“.

Also nimmt es seinen Rucksack und macht sich auf den Weg zu anderen Menschen, von denen es glaubt, dass sie keine Freunde haben. Zum Beispiel zu Emos. Das Problem ist: Emos haben Freunde. Mit denen sind sie dann zusammen traurig, obwohl sie doch Freunde haben. Das wiederrum versteht das Hömmchen nicht und es wird seinerseits traurig. Traurig, weil es keine Freunde hat, traurig, weil Leute mit Freunden traurig sind, nur um der Trauer willen, traurig weil niemand seine Trompete spielen hört und traurig, weil dieser verdammte Rucksack so schwer ist.

The Cabin in the Woods
Als es fast schon dunkel ist, gelangt das Hömmchen an eine sehr abgelegene Waldhütte. Mit abgelegenen Hütten sollte man vorsichtig sein, findet das Hömmchen. In abgelegenen Hütten zu wohnen macht grundsätzlich verdächtig. Innerlich macht es eine Liste von Bewohnern abgelegener Hütten:
-          die Pfefferkuchenhexe
-          der Waldschrat
-          Räuber Grapsch  
-          Jason
Abgesehen vom Räuber Grapsch (der ist nett) ist das eine furchteinflößende Liste. Doch das Hömmchen ist mutig. Es klopft an die Tür. Jemand öffnet. Es ist der Waldschrat.

Hömmchen: Hallo Waldschrat, ich bin das Hömmchen.
Waldschrat: Hallo Hömmchen, ich bin der Waldschrat.
Hömmchen: Mmh…
Waldschrat: Tjoa…
Hömmchen: Mit dem Wetter haben wir ja Glück gehabt.
Waldschrat: Ja, die Tage sind kurz und kalt. 

Es folgen einige sehr lange Augenblicke peinlicher Stille, dann: 

Hömmchen: Darf ich reinkommen?
Waldschrat: Klar, klar!

                                  The Cabin In The Woods. Davor (nicht für jeden sichtbar): Das Hömmchen

Erleichtert tritt das Hömmchen ein. Es gelangt in einen kleinen Vorraum. In der linken Ecke sieht es eine Kiste mit Smartphones, rechts einen riesigen Stapel ungeöffneter Fertigpizzen. Die Fertigpizzen haben mit Tomatenmark ein Mantra an die Wand geschmiert:
NEVER AGAIN. NEVER TRUST FANTASY FIGURES. WE FIRST, ALWAYS.
Das Hömmchen kramt in seinem Rucksack und packt Smartphone und Pizza auf die dafür vorgesehenen Stapel.
„Und die Trompete?“, fragt es.
„Die kannst du mitnehmen, Musik fördert die Gemeinschaft“, antwortet der Waldschrat.
Dann betreten sie einen riesigen Gemeinschaftsraum. In der Mitte sitzen in einem Stuhlkreis:   
-          die Pfefferkuchenhexe
-          Räuber Grapsch 
-          Jason
-          Lord Voldemort mit Harry Potter auf dem Schoß
-          viele andere
Der Waldschrat und das Hömmchen setzen sich dazu. Man unterhält sich über die entzauberte Welt, die Diktatur der Logik, fehlende Anerkennung und den Geschmack von Pizza. Später spielt das Hömmchen auf seiner Trompete. Alle anderen laufen hektisch um den Stuhlkreis und wenn das Hömmchen mit dem Trompeten aufhört, setzen sie sich wieder hin. Es sind genügend Stühle da. Hier wird niemand mehr ausgeschlossen. Hier ist Existenz Nebensache. Es ist das erste Mal, dass das Hömmchen wirklich glücklich ist.