Mittwoch, 26. Februar 2014

Die Gewalt deeskaliert



Zum wiederholten Male wurden am Wochenende friedlich randalierende Fußballfans von Polizeibeamten willkürlich zur Rede gestellt. 

Was für 300 deutsche Fußballfans ein netter Wochenendausflug werden sollte, endete im Desaster. Mit lauter guten Vorsätzen und 1500 Liter Bier brach ein Grüppchen der beliebten „Insane Brainfuckers“ am Samstagmorgen zum Auswärtsspiel ihrer Lieblinge auf. Schon auf dem Weg zum Bahnhof bewiesen sie ihren Hang zu Friedfertigkeit und Nächstenliebe, als sie dem Kioskbesitzer Achim B. beinahe die Hälfte seiner Wocheneinnahmen und eine Kiste alkoholfreies Bier überließen. Auch, dass der selbstlose Versuch, der 92-jährigen Hilde G. durch sanftes Ziehen an ihrer Handtasche über die A1 zu helfen mit einigen kleineren Knochenbrüchen der Dame endete, muss wohl als übereifriges Samaritertum unserer jungen Freunde verbucht werden. 

Worte des Grauens
Wie aus heiterem Himmel kam es dann im Zugabteil der 1. Klasse zum Eklat. „Ich wollte gerade in Ruhe auf einen der rausgetretenen Sitze pinkeln“, gibt ein sichtlich geknickter Fan zu Protokoll, „als ich plötzlich von einem Polizeibeamten angesprochen wurde.“ Er habe vor Schreck beinahe seine Stahlkappenschuhe benässt, fügt er später unter Tränen hinzu. Doch damit nicht genug: Mehrere Augenzeugen berichten übereinstimmend, dass der Beamte auf einen eindeutig defensiven Superman-Punsh des verunsicherten Fans völlig unverhältnismäßig  verbal reagiert habe.  
Erst als alle 300 Fans sich mit Flaschen, Nothämmern und herausgerissenen Toilettendeckeln gegen die sogar zu zweit auftretenden Polizisten zur Wehr setzten, ließen die Beamten von ihren traumatisierten Opfern ab.   
          
Kein Einzelfall
Leider sind diese verstörenden Vorkommnisse kein Einzelfall. Beinahe jedes Wochenende werden die Grundrechte friedlicher Randalierer mit Füßen getreten. „Da wird erwachsenen Männern systematisch vorgeschrieben, ihre großen und kleinen Geschäfte in isolierten Kabinen zu verrichten, dabei war es im Mittelalter noch völlig normal, in Gemeinschaft überall hinzukacken“, sagt der Historiker Gotthilf K. von der Uni Gießen. Viele Eltern trauen sich mittlerweile gar nicht mehr, ihren Nachwuchs unbeaufsichtigt in Schlägereien zu schicken. Um die lieben Kleinen vor den skrupellosen Ermahnungen der „Gesetzeshüter“ zu schützen, haben die Eltern der „Insane Brainfuckers“ ihren Söhnen verboten, sich die Ohren zu waschen. „Ohrenschmalz ist nicht schön, aber es schwächt die Brutalität der Worte ein wenig ab“, rechtfertigt die Mutter des 32-jährigen Benno K. die unorthodoxe Erziehungsmethode.  

Unterschriften für ein sicheres Stadionerlebnis
Mit einer Obelix-Portion Idealismus und dem Mute der Verzweiflung ausgestattet haben sich nun einige ehemalige Opfer deeskalierender Polizeimaßnahmen zu der Initiative „Sicher aufs Maul“ zusammengeschlossen. Ziel sei es, möglichst viele Unterschriften gegen die ständige Polizeipräsenz bei Fußballspielen zu sammeln, so Marvin N., der Vorsitzende der Initiative. Auch den überwältigenden Erfolg der Aktion kann er plausibel erklären:  „Wer nicht unterschreibt, fängt sich eine, ganz einfach.“
Das sind diese kleinen Geschichten, die nur der Fußball schreibt und die uns hoffen lassen, dass  die nachfolgenden Generationen wieder in aller Ruhe pöbeln können.       


Dienstag, 25. Februar 2014

Wo rennen wir hin?



In der Hierarchie der dämlichsten Entscheidungen meines Lebens thronte jahrelang jener verhängnisvolle Kauf eines HD-DVD-Players für 350 Euro (gefühlte 1000 Jahre Taschengeld) an der Spitze, den ich mit den wohl etwas überheblichen Worten „Blu-Ray setzt sich niemals durch, ihr Wichser“ kommentierte. Im letzten Jahr erfolgte schließlich doch noch die nicht mehr für möglich gehaltene Wachablösung: „Halbmarathon? Gebt mir drei Wochen Training und ne Packung Traubenzucker…“   
   
Die Strecke
Ein Rundkurs. Rundkurse sind eine einzige Metapher für die Sinnlosigkeit des Laufsports. Erst gestern habe ich unseren hamsterradelnden Hamster ob seiner grenzdebilen Tätigkeit  als „Opfer“ bezeichnet, schon heute begebe ich mich selbst in ein Hamsterrad. Wenn jetzt irgendjemand still und heimlich an seinem PC sitzt und vor sich selbst behauptet, der Weg sei das Ziel, so möge er an dieser Floskel ersticken. Es besteht kein Zweifel daran, dass bei Volksläufen das Ziel das Ziel ist und der Weg ein lustiges Stelldichein aus Schweiß, Schmerz und Selbsthass.  
In Paderborn haben sich die Veranstalter übrigens ein besonderes Bonbon ausgedacht: Der Rundkurs wird zweimal durchlaufen. 

30 Minuten vor dem Start
Ich trage ein weißes T-Shirt und eine kurze Hose. Was die anderen tragen: 

Frisur
riesige Kopfhörer,
Buff-Tuch
B
U
F
F
pinkes Kinesiotape,
schlangenhautenges, quietschbuntes
 Funktionsshirt mit der brüllend komischen Aufschrift
 „Früher fuhr ich BMW, heut tun mir die Füße weh“,    
 die zu einem spontanen Roundhouse-Kick einlädt,
                                            Gürtel mit fünfundvierzig Mana-Tränken  
                                         schlangen-      (sag  ich nicht)        schlangen-
                                          hautenge,                                          hautenge,
                                           atmungs-                                           atmungs-
                                           aktive                                                 aktive
                                           Lauf-                                                   Lauf-
                                            hose                                                    hose
      quietschbunte Laufschuhe                                     quietschbunte Laufschuhe

(Anmerkung: Die Arme sind hinter dem Rücken verschränkt.)
Ich fühle mich farblos und unprofessionell, komme aber nicht umhin, das Folgende anzumerken: Einige Läufer befinden sich in einem körperlichen Stadium, das sie dringend davon abhalten sollte, schlangenhautenge Laufhosen und -shirts zu tragen. Tut es aber nicht. Würde ist ein häufig unterschätztes Gut!
Um den diskriminierenden Charakter dieser Anmerkung abzuschwächen, sei darauf hingewiesen, dass auch der gute alte Chuck sein Fritten-Kreuz zu tragen hat, jedoch zum Schutze seiner Selbst und aller anderen auf eine hervorhebende Zurschaustellung aller natürlichen und unnatürlichen Rundungen seines Körpers verzichtet. 

5 Minuten vor dem Start
1. Ich muss mich dehnen.
2. Ich muss Pipi. Mindestens.
3. Das gilt außer für mich noch für die folgenden anderen Starter: Alle.
Aus den Punkten 1-3 ergibt sich ein Szenario, dass man nur mit deutlicher Untertreibung als unangenehm bezeichnen kann: Etwa 1000 Läufer drängen sich um die beiden (!) Dixi-Klos, die der Veranstalter unter Aufwendung sämtlicher Startgebühren aufgestellt hat und wünschen sich innerlich die sanitären Anlagen vom letzten Tag „Rock am Ring“ herbei.   Nach eiliger Entledigung von überflüssigem Ballast verlassen erleichtert dreinblickende Läufer das waschbeckenlose Örtchen und beginnen mit dem Dehnvorgang, wobei sie sich unter Missachtung jeder westlich-zivilisierten Distanz an der Schulter völlig fremder Mitläufer festhalten. Zum Beispiel an meiner. 

Startschuss 
Es geht los. Es könnte losgehen. Es geht ein Scheiß. Es ist einfach zu voll. Es ist zu voll.  
Trotzdem beginnen einige besonders motivierte Spitzenläufer sofort mit groß angelegten Überholmanövern. Das ist allzu verständlich, denn zwischen den Plätzen 700 und 3800 zählt jede Sekunde. Nach dem ersten Kilometer verteilt sich das Feld allmählich und auch der Geruch nach Pferdesalbe lässt sukzessive nach.
 Ich werde von einem Typen im Hasenkostüm überholt. Witzig. Wann hat die Welt endlich verstanden, dass Hasen-, Affen- und Schweinekostüme weder zu Junggesellenabschieden, noch zu irgendwelchen anderen Anlässen witzig oder gar originell sind?   Ich hänge mich an seine Fersen. Der Gedanke, ihm sofort nach Zieleinlauf einen zünftigen Schwinger zu verpassen, motiviert ungemein und lässt mich schneller laufen.     


Kilometer 4
Wo man auch hinschaut, nehmen Läufer Paracetamol-Tabletten. Sie wollen den Schmerz nicht spüren. Aber warum zur Hölle melden sie sich dann bei einem (Halb-)Marathon an?

Kilometer 10
Warum zur Hölle melde ich mich bei einem (Halb-)Marathon an?  

Kilometer 12
Der Typ im Hasenkostüm hat sich direkt vor mir langgelegt und ich nutze die unübersichtliche Situation für eine scheinbar zufällige Backpfeife.  

Kilometer 15
Ich kann diese bescheuerten klatschenden Menschen am Straßenrand nicht mehr sehen. Von welcher geistigen Umnachtung muss man heimgesucht sein, wenn man sich vier Stunden an den Straßenrand stellt und die Finger wund klatscht, als hätte man sich fünfundvierzig 1000-Volt-Duracell Batterien in den Arsch gesteckt, nur damit man den einen Moment nicht verpasst, in dem man dem schniefenden und schwitzenden Klaus, „dem schnellsten Papa der Welt“ ein selbstgemaltes Plakat vor die blutleeren Augen halten kann.
Wenn ich einmal Kinder habe, werde ich ihnen folgendes mit auf den Weg geben: Behaltet eure Selbstachtung.

Kilometer 20
Noch ein Kilometer. Ich bin am Ende. Ich werde zum wiederholten Mal von Menschen überholt, die ungefähr 200 Jahre alt sind. Sie sind offensichtlich in einer Zeit aufgewachsen, in der man noch dann und wann vor diesem oder jenem fliehen musste. Mein Laufstil ähnelt zunehmend dem eines brünstigen Berggorillas, meine Lippen kleben zusammen und meine Moral ist auf HSV-Level abgesunken. Beim Versuch, das Siegerlächeln für den Zieleinlauf zu trainieren, erleide ich mehrere Ermüdungsbrüche in den Wangenknochen.  

Ziel
Ich taumele über die Ziellinie, wo ein Typ im Hasenkostüm auf mich wartet und mir einen Schwinger verpasst, den ich meinen Lebtag nicht vergessen werde. Langsam schleppe ich mich zur Ziel-Verpflegung und bestelle ein Bier. Es ist alkoholfrei. Ich packe den Studenten hinter der Theke an den Haaren, schleife ihn durch die „Finisher-Lounge“ und brülle in guter alter Walter-Manier: „Warst du in Vietnam? WARST DU IN VIETNAM?“
Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass ich mich richtig gut fühle.