Dienstag, 8. Juli 2014

Der Tod spielt mit - Eine WM-Parabel


Die Eröffnungsfeier
"Wer jetzt nicht siegt, wird ewig warten", ruft ein eigens für den Mühle-Abend im Seniorenzentrum St. Nimmerlein eingeflogener Ex-Sportkommentator in sein Mikrofon und klopft sich innerlich für seinen schwarzen Humor auf die Schulter. Sofort verbreitet sich unter den anwesenden Greisen eine angespannte Alles-oder-nichts-Stimmung, die von einer hektischen Sinfonie aus klappernden Gebissen, knarzenden Gelenken und übersteuerten Hörgeräten untermalt wird. Parallel zu den eröffnenden Worten wuselt das Kompetenzteam "Pflegestufe 2" durch den Turnierraum und verrichtet die letzten Aufbauarbeiten. Der Anforderungskatalog der Heimleitung (keine Stehplätze,  Entfernung sämtlicher Zimmerpflanzen etc.) hat die fleißigen Helfer sichtlich an ihre Grenzen getrieben. Offiziellen Schätzungen der St. Nimmerleins-Stiftung zufolge ist es im Rahmen der Turniervorbereitung zu acht bedauerlichen Fällen von "kollateralem Ableben" gekommen, was jedoch angesichts der immensen Bedeutung des Großereignisses für das ganze Seniorenzentrum guten Gewissens vernachlässigt werden kann und muss. Kaum sind die letzten RIP-Logen fertiggestellt, beginnt auch schon die offizielle Eröffnungszeremonie:
Der entzückende Chor des angrenzenden katholischen Kindergartens, dem man den Zwangscharakter seines Auftritts kaum ansieht, singt die offizielle Turnierhymne „Grau und weiß“. Dieses lustige Stelldichein aus singenden Kindern und schunkelnden Senioren muss als Hommage an den "Kreislauf des Lebens" verstanden werden, der sich als Turnier-Motto gegen den Vorschlag "Die Welt zu Gast bei (alten) Freunden" durchgesetzt hat. 
Unterdessen „pushen“ (frei übersetzt: wecken) die dienst-habenden Pfleger ihre Schützlinge mit motivierenden Ohrfeigen und der Dorfpfarrer bietet vorsorglich eine kostengünstige Seelsorge für die Verlierer des Abends an. Um es auf den Punkt zu bringen: Es ist angerichtet.

Die Vorrunde
Schon in den ersten Vorrundenbegegnungen scheinen die Nerven bei einigen Teilnehmern blank zu liegen. Ein besonders eifriger Teilnehmer in biblischem Alter kramt seine Trashtalk-Skills vergangener Bolzplatztage hervor und provoziert seinen Kontrahenten mit mehrdeutigen Anspielungen, die auch heute nichts von ihrer entmutigenden Wirkung eingebüßt zu haben scheinen. In wenigen Zügen lockt er sein peinlich berührtes Gegenüber in eine Zwickmühle, um ihm anschließend Spielstein für Spielstein mit einem angedeuteten Spuckgeräusch in die Schnabeltasse zu pfeffern. Siegestrunken verlässt er schließlich den schützenden Hafen seines Rollators und rutscht auf Knien vor den Groupie-Tisch, an dem sich die vor dem 1. Weltkrieg geborenen Damen niedergelassen haben, um dem heroischen Treiben bei Kaffee und Kuchen beizuwohnen.
An einem anderen Tisch macht ein wild gestikulierender Veteran aus dem deutsch-französischen Krieg  auf  tiefe Bisswunden in seiner Schulter aufmerksam, die ihm sein Gegenspieler mutwillig zugefügt haben soll. Der Beschuldigte rechtfertigt sich mit einer abgelaufenen Haftcreme, durch die sich sein Gebiss im Wortgefecht selbstständig gemacht habe. Nach einer kurzen Verhandlungspause verdonnert die Heimleitung den Beißer zu einer willkürlich ausgewürfelten Sperre von neun Tagen.

Das Finale
Um die gesteigerte Aufmerksamkeit der Zuschauer vor dem großen Turnierfinale maximal auszunutzen, hat es sich der Hauptsponsor der Veranstaltung, ein hiesiger Bestattungsunternehmer, nicht nehmen lassen, die Gestaltung des Vorprogramms zu übernehmen. Hinter mehrfach abgeschlossenen Türen werden die durch leichte Beruhigungsmittel (mit Cola-Geschmack) präparierten Zuschauer in die besonders luxuriösen Modelle des Sponsors eingeladen. Große Männer betreten den Raum und bitten ihre Kunden mit sanftem Druck, den Kaufvertrag für ihr zukünftiges Zuhause zu unterzeichnen.
Nach dem Vorprogramm hat sich im Turnierraum ein angespanntes Schlummern ausgebreitet. Beide Finalisten, die sich im bisherigen Turnierverlauf durch eine beeindruckende Geschlossenheit der Harnröhre ausgezeichnet haben, rutschen auf ihren Stühlen nervös hin und her.  Der Schiedsrichter, ein seit 23 Jahren an Grauem Star leidender „Freund der Turnierleitung“ eröffnet das Spektakel. In einer ersten Abtastphase werden die Spielsteine bedächtig hin und her geschoben. Sofort wird dem kundigen Beobachter gewahr, dass es sich hier nicht nur um ein Prestigeduell zwischen Mühle-Veteranen, sondern auch um das Aufeinanderprallen zweier Pfleger-Philosophien handelt. In der einen Ecke der von einem aufstrebenden Zivildienstleistenden betreute Bismarck Schimmelpfennig, der seine Steine bereits nach wenigen abwartenden Spielstunden in einem irrwitzigen Tempo verschiebt. In der anderen Ecke der seelenruhige „Flak-Heinrich“, der sich mit jeder noch funktionierenden Faser seines Körpers auf den ausgewieften Matchplan eines erfahrenen Krankenpflegers konzentriert, nach dem es unter anderem vorgesehen ist, die stärksten Spielsteine von außen in die Mitte zu ziehen.     

Inglourious Basterds
Endlich ist es so weit. Die Entscheidung steht unmittelbar bevor und die Spannung ist mit Händen zu greifen. Plötzlich bricht ein heilloses Chaos aus. Wie aus dem Nichts tauchen dutzende als Windmühlen verkleidete Männer auf, wirbeln mit kreisenden Armen durch den Turnierraum und verwüsten alles, was sie in die Finger bekommen. Tische, Stühle, Gehhilfen und Luxussärge schwirren durch die Luft, Kaffeetassen zerbersten, tattrige Senioren düsen auf wildgewordenen Rollatoren ziellos durch den Raum und geben Schreie von sich, die gleichzeitig ängstlich und erleichtert klingen. Der Leiter des Seniorenzentrums, ein hochseriöser Geschäftsmann aus der Schweiz, gerät bei dem Versuch, sich durch die Hintertür zu entfernen, in die kreisenden Fänge einer wutschnaubenden Mühle und wird quer durch den Raum geschleudert. Eine besonders furchteinflößende Mühle baut sich vor dem kriechenden Heimleiter auf, packt ihn am Schopf und sagt: „Du hast von uns gehört? Dann weißt du, dass wir nicht im Gefangen-Nehmen-Geschäft sind. Wir sind im Korrupte-Funktionäre-Töten-Geschäft. Und, mein Freund, das Geschäft boomt.“   





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